Ausschnitt aus "HITCHCOCK TEIL 2 - MORE MOVIES TO BE MURDERED BY": "DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE / THE MAN WHO KNEW TOO MUCH"

 

DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE (1956)

(OT: THE MAN WHO KNEW TOO MUCH)

 

 

Gentlemen, ich wusste nicht, was für ein Lied ich wollte. Das ist das richtige

&

Mein Vater kannte die Royal Albert Hall gut, denn er war als Junge in England ein großer Musikliebhaber gewesen

&

Das Talent einer Sängerin zur Phrasierung, ihre Fähigkeit, ihr Herz in ein Stück Musik zu legen, ist von der Schauspielerei nicht allzu weit entfernt. Auch dort ist es das Ziel, dem, was auf dem Papier steht, Leben und Überzeugungskraft zu geben

 

(ZITAT 1: „Gentlemen, I told you I did not know what kind of song I wanted. Well, that’s the kind of song I want“ – Alfred Hitchcock zu Jay Livingston & Ray Evans, die den von Doris Day im Film interpretierten Song „Que Sera, Sera“ geschrieben haben; Hitchcock wurde von Paramount beinahe zu diesem Song, der bekanntlich ein echter Klassiker wurde, gedrängt, gleichsam „weil Doris Day in dem Film war & Hitch deswegen ein Lied brauchte“; der Regisseur hatte zu den für diese Zwecke angeworbenen Livingston & Evans zunächst gesagt: „Ich weiß nicht, was ich will, schreibt irgendwas“; // ZITAT 2: Hitchcock’s Tochter Pat Hitchcock O’Connell über die „Schlüssigkeit“, dass ihr Vater, der es mochte, berühmte Schauplätze in seinen Filmen unterzubringen, das Finale von Der Mann, der zuviel wusste in der Royal Albert Hall in London spielen hat lassen; // ZITAT 3: James Stewart über „die schauspielende Sängerin“ Doris Day)

 

 

 

„[…] Man könnte glauben, Cary Grant und James Stewart seien austauschbar, aber Ihr Vorgehen ist sehr verschieden, je nachdem, wen Sie einsetzen. Mit Cary Grant gibt es immer mehr Humor und wenn Sie Stewart nehmen mehr Emotion

Das stimmt genau, und es kommt natürlich aus ihrer wirklichen Verschiedenheit. Selbst wenn sie ähnlich wirken, sind sie es überhaupt nicht. Cary Grant an der Stelle von James Stewart in `The Man Who Knew Too Much` hätte nicht die richtige Glaubwürdigkeit gebracht, die notwendig war. Wenn ich es mit ihm gemacht hätte, wäre die Figur ganz anders geworden

&

Es war Januar 1965. Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn würden auftreten, Barbra Streisand, […], Alfred Hitchcock, Harry Belafonte, Joan Baez, […], Johnny Carson und ich. […] Es war das erste und letzte Mal, dass ich Alfred Hitchcock traf. Wir plauderten backstage, und er war charmant und witzig. Dann trat er vor das Meer aus schwarzen Krawatten und vor Lyndon B. Johnson und seine Frau Lady Bird auf die Bühne, zeigte auf sie und sagte mit seiner fabelhaften Stimme: `Ich habe Sie gewarnt, `Die Vögel` kommen´

 

(ZITAT 1: aus den Unterhaltungen des „Fragestellers“ François Truffaut & des „Befragten“ Alfred Hitchcock über „The Man Who Knew Too Much“ mit Jimmy Stewart in der männlichen Hauptrolle; // ZITAT 2: zum Thema „große Filmregisseure, die sich treffen“: Regie-Legende Woody Allen in seiner Biografie „Ganz nebenbei“ (2020) über seine erste & einzige Begegnung mit Alfred Hitchcock, und zwar auf der Antrittsgala von US-Präsident und Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson anno 1965)

 

 

 

Damals trugen wir alle Anzug und Krawatte. Heute ist das anders. Heute denken die Leute, man wäre auf dem Weg zu einem Begräbnis. In Marrakesch habe ich Hitch zum ersten Mal im T-Shirt gesehen. Er war bis oben zugeknöpft, hatte aber immerhin kurze Ärmel. Ich erinnere mich an die Fliegen, die herumschwirrten. Hitch war ein echter Fachmann darin, die Fliegen weg zu pusten

 

(der Der Mann, der zuviel wusste-Art Director Henry Bumstead über den „Großstädter“ Hitchcock im nordafrikanischen Marokko, wo sich „Hitch“ offenbar ungewöhnlich „freizügig“ gab)

 

 

 

Du sitzt auf meinem Kleid

 

(aus: Der Mann, der zuviel wusste; „Jo McKenna“ Doris Day zu „Dr. Ben McKenna“ James Stewart während der humorigsten Szene des gesamten Films, nämlich jener, wo Day & Stewart sozusagen „in Bodennähe“ in einem Restaurant in Marrakesch sitzen und Stewart so seine Probleme mit der Sitzhöhe hat)

 

 

 

Ein Mannein Staatsmann soll getötet werdenermordet. In London. Baldsehr bald. Sagen Sie Ihnen: In London. Ambrose Chappell

 

(aus: Der Mann, der zuviel wusste; der als Araber verkleidete „Louis Bernard“ Daniel Gélin teilt, und das kurz bevor er seinen tödlichen Messerstich-Verletzungen erliegt, Jimmy Stewart auf einem Marktplatz in Marrakesch mit, dass in London ein Attentat auf einen Politiker geplant ist)

 

 

 

Oh, ich will meinen Jungen wieder haben!! Oh, mein Gott!! Oh, gib mir meinen Jungen wieder!! Wo ist mein Junge!? Wo ist er?! Wo ist er, Ben?! […]“

 

(aus: Der Mann, der zuviel wusste; Doris Day in einem ihrer besten Momente als Filmschauspielerin: „Jo McKenna“ hat gerade von „Ben McKenna“ in ihrem „Hotel Room“ in Marrakesch erfahren, dass ihr Sohn offenbar entführt wurde)

 

 

Am Ende von Hitchcock’s „Suspense & Fear“-Meisterwerk „The Man Who Knew Too Much“, das ein US-Remake seines gleichnamigen in England entstandenen Films aus dem Jahr 1934 darstellt, ist alles darauf reduziert, ob Doris Day in der Royal Albert Hall durch ihren Schrei einen Mann retten wird, den sie gar nicht kennt, oder ob sie nicht schreien wird und damit vermutlich ihren Sohn rettet.

Kennengelernt hat die wunderbare Doris Day (z. B.: Bettgeflüster, Ein Pyjama für zwei & Schick mir keine Blumen – veröffentlicht 1959, 1961 & 1964 und alle mit Rock Hudson) den „Master of Suspense“, der diesen Zusammenprall äußerlicher sowie innerlicher Kräfte, welcher im Zentrum der denkwürdigen Royal-Albert-Hall-Konzertszene steht, wiederum so virtuos inszeniert hat, auf einer Party, und das obwohl weder sie noch Alfred Hitchcock sonderlich im Ruf standen, „Partygeher“ zu sein („1951 trafen Hitchcock und ich uns zufällig auf einer Party. Keiner von uns beiden stand im Ruf, ein Partygänger zu sein, und ich glaube, es überraschte uns beide, uns in dieser Umgebung zu treffen“ – D. Day).

Auf jeden Fall aber trennte man sich auf jener Party mit der Absichtsbekundung, „irgendwann einen Film miteinander zu drehen“, doch als es dann so weit war, verunsicherte Hitchcock Day auf dem Set von Der Mann, der zuviel wusste mit „kühler Freundlichkeit“, die bei ihr den Anschein erweckte, als sei ihm „alles egal“ und er sie „völlig vernachlässige“ („Wir drehten einfach die Szenen, und das war’s“ – D. Day). 

Als sie jedoch gegenüber dem Regisseur eines Tages zur Sprache brachte, dass er offenbar vor, während und nach einer Szene nicht mit ihr redete und sie sich dadurch „für die schlechteste Schauspielerin der Welt“ hielte, hat Hitchcock einfach gemeint, dass sie „alles richtig“ gemacht habe und er sich „schon gemeldet hätte, wenn dem nicht so wäre“.

 

 

 

Die Handlung von Der Mann, der zuviel wusste:

[„GEORGE TUNNER CAMPBELL SCOTT: „Wir sind wahrscheinlich die ersten Touristen, die hier seit dem Krieg auftauchen“ / „KIT MORESBY DEBRA WINGER: „Tunner, wir sind keine Touristen, wir sind Reisende“ / GEORGE TUNNER: „Was ist der Unterschied?“ / „PORT MORESBY JOHN MALKOVICH: „Ein Tourist denkt, wenn er irgendwo ankommt, bereits daran, wann er wieder zurückfährt“ / KIT MORESBY: „Wohingegen ein Reisender vielleicht nie wieder zurückfährt“ – aus Bernardo Bertolucci’s „Amerikanische-Touristen-in-Nordafrika“-Meisterwerk Der Himmel über der Wüste / OT: The Sheltering Sky von 1990 (basierend auf dem Bestseller von Paul Bowles), in dem Debra Winger & John Malkovich ein amerikanisches Ehepaar („Kit“ & „Port“ ) spielen, das, in Begleitung von Campbell Scott, nach Nordafrika (genauer: nach Tanger in Marokko) reist und dort nach und nach „in der glühenden Wüstensonne“ der Sahara, die sie durchqueren wollen, statt „Lebenssinn & neue Leidenschaft“ nur „Hetzjagd & Tod“ findet; mit den „sparsam eingesetzten Dialogen“ in dem Bertolucci-Film & den Bildern, die wie eine „ahnungsvolle Geheimschrift“ funktionieren, hätte Alfred Hitchcock, der Schauspieler:innen sowie stets den Dialog kürzen wollte, wahrscheinlich seine Freude gehabt] – „The Man Who Knew Too Much“ beginnt damit, dass man, während der Vorspann läuft, das London Symphony Orchester [unter der Leitung des hier noch „unsichtbaren“ Bernard Herrmann] bei der Arbeit sieht, und zwar bei einem Konzert in der Royal Albert Hall in London. Am Ende des Vorspanns wird jenes Orchestermitglied gezeigt, das für den „Beckenschlag“ verantwortlich zeigt, und man wird mit einer eingeblendeten Info, die diesem „Beckenschlag“ enorme Bedeutung zukommen lässt [„A single crash of Cymbals and how it rocked the lives of an American family.“], sozusagen „in die Handlung“ entlassen.

Ortswechsel. In einem Bus, der offenbar von Casablanca nach Marrakesch fährt, befinden sich das amerikanische Ehepaar Dr. Ben & Jo McKenna sowie ihr Sohn Hank, der den beiden „Fragen zur Umgebung“ stellt [HANK: „Vati, weißt du bestimmt, dass ich noch nie in Afrika war? Es kommt mir alles so bekannt vor“ / Antwort seiner Mutter JO – ganz im „US-Touristin-Modus“: „Weil die Landschaft hier beinah so aussieht wie in Las Vegas“], wobei auch die „Wüstennähe“ sowie die Tatsache, dass man sich in Marokko und in der Nähe der Stadt Marrakesch befindet, thematisiert werden [Auszüge: BEN: „Wir sind hier nur 150 Kilometer nördlich der Wüste Sahara. Ist dir das klar?“ // HANK: „Marrakesch. Das hört sich an wie ein Getränk“; // Anmerkung: „You take the grey skies outta my way (ooh-ooh) / You make the sun shine brighter than Doris Day“ (aus dem Song „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham!) – Doris Day (1922 – 2019), schon grundsätzlich „eine sehr amerikanische Amerikanerin“ und für europäische Verhältnisse & Sichtweisen fast schon „eine Spur zu sehr amerikanisch“, hatte im Vorfeld der Dreharbeiten einige Zweifel, ob sie die USA per Flugzeug das erste Mal in Richtung eines „exotischen Landes“ verlassen sollte; die Chance, mit Alfred Hitchcock & Jimmy Stewart zu drehen, wollte sie sich dann aber doch nicht entgehen lassen; vor Ort in Marokko war Day aber dann entsetzt über die Armut, „die sie da vorfand“: „Die Armut und Unterernährung in diesem Land störten mich noch erheblich mehr, als so weit von zu Hause weg zu sein“ (D. Day)].

Als seine Mutter anfängt, in einem Magazin zu blättern, und sein Vater kurz eingenickt ist, beginnt Hank den Bus zu erkunden, der voll mit Fahrgästen ist. Bei einer „verkehrsbedingten Bremsung“ passiert ein Missgeschick und Hank reißt aus Versehen einer verschleierten Frau den Schleier vom Gesicht, was zu Unmutsbekundungen durch deren Ehemann führt. Ein weiterer Fahrgast, der sich später als Louis Bernard vorstellt, klärt und beruhigt die Situation und gibt dem Ehemann den Schleier zurück, den Hank noch immer in der Hand hält [LOUIS BERNARD – zu Ben McKenna, der sich bei ihm bedankt hat & mit französischem Akzent: „Oh, bitte sehr, Monsieur. Es gibt Momente im Leben, wo wir alle brauchen Hilfe“].

Nachdem die Schleier-Sache sowie die zugehörigen religiösen Implikationen besprochen worden sind, beginnt eine längere Unterhaltung zwischen den McKennas und Louis Bernard, die aber denkbar „einseitig“ verläuft, denn Dr. McKenna erzählt „frei von der Leber weg“, dass er Arzt am „Guter Samariter“-Krankenhaus in Indianapolis (Indiana) ist und gerade auf einem medizinischen Kongress in Paris war [Anmerkung: „Ist hier auch noch jemandem die Frau gekidnappt worden?“ (ein verzweifelter Harrison Ford in Roman Polanski’s Frantic zu einem „unkooperativen“ Mitarbeiter der US-Botschaft in Paris, der ihn in der langen Warteschlange nicht vorrücken lassen will) – Polanski hat Harrison Ford in seinem mit einigen Hitchcock-Hommagen & Hitchcock-Elementen ausgestatteten Psycho-Thriller von 1988 ebenfalls zu einem Arzt/Kardiologen gemacht, der mit seiner Frau zu einem medizinischen Kongress nach Paris fährt, nur dass in Frantic dann eben die Ehefrau (gespielt von Betty Buckley) des Arztes entführt wird, und nicht ein Kind].

Vati hat Afrika befreit“ [HANK] – Dr. McKenna berichtet Bernard auch von seiner Stationierung in Casablanca im Zweiten Weltkrieg, doch langsam macht sich bei Jo McKenna sichtbar leichter Unmut darüber breit, dass nur ihr Mann offenherzig zu „singen“ scheint und Bernard ausschließlich als „Fragesteller“ agiert [Frage von JO, die sozusagen „ins Leere“ geht, weil Bernard nur mit „Nein“ antwortet: „Und Sie leben hier in Marokko, Mr. Bernard?“; // Anmerkung: „Harry Truman, Doris Day, Red China, Johnny Ray / […] North Korea, South Korea, Marilyn Monroe“ (Copyright: „We Didn’t Start the Fire“) - selbst der US-Sänger Billy Joel hat in seinem Song „We Didn’t Start the Fire“ (vom Album „Storm Front“ von 1989), bei dem er quasi mittels Namedropping „Welt- & US-Geschichte ab den 50er-Jahren“ abarbeitet, Doris Day gleichsam „zu einem der Symbole für die 50er-Jahre gemacht“, und tatsächlich hat man heutzutage kaum mehr einen Begriff davon, welch großer Star Day in den 50s gewesen ist; übrigens: auch Hitchcock’s Psycho wird in dem genialen Joel-Song berücksichtigt: „[…] / Chubby Checker, Psycho, Belgians in the Congo“].

Jo McKenna‘s „Suspicion“, dass es sich hier „um ein reichlich einseitiges Frage- & Antwort-Spiel“ handelt, wird in der Folge noch dadurch verstärkt, dass sich Bernard nach dem Namen des Hotels erkundigt, in dem die McKennas gedenken abzusteigen [Reaktion von JO: „Warum fragen Sie?“].

Aber auch der kleine Hank gibt sich „open-hearted“ gegenüber dem Unbekannten und lädt Louis Bernard sogar nach Indianapolis „in den Garten der Familie“ ein [HANK: „Wir haben schon alle Schneckenvertilgungsmittel ausprobiert, aber noch keinen Franzosen“].

Angekommen in Marrakesch behauptet Bernard, dass er hier „etwas Geschäftliches“ erledigen müsse [Frage von JO – wiederum „ins Leere“ gehend: „Was für Geschäfte machen Sie, Mr. Bernard?“], doch man einigt sich darauf, am Abend gemeinsam einen Drink „up there in the suite“ der McKennas zu nehmen und anschließend gemeinsam Essen zu gehen [Ausschnitte aus den Dialogen: LOUIS BERNARD: „Ich kann Ihnen ein original arabisches Lokal zeigen, wo es Spezialitäten gibt und die Tischmanieren exotisch sind“ / BEN – im Original, wobei der zweite Teil der Aussage an JO gerichtet ist: „That’s what we came here for. […] How about one of those Arabian nights?“ / JO – im Original: „I’d love it“; // Anmerkung: Auch Hitchcock dachte in Marrakesch sofort ans Essen, traute aber der marokkanischen Küche nicht so recht, und deshalb beauftragte er seinen Associate Producer Herbert Coleman damit, „Seezunge aus London“ zu besorgen, doch Coleman versprach ihm einen Restaurantbesuch in Marrakesch, der sich für ihn „lohnen“ würde: „Ich sagte, das ist nicht nötig. Wir gehen heute in ein Restaurant, wo es die beste Seezunge der Welt gibt. Er glaubte mir nicht“ (H. Coleman)].

Die McKennas nehmen eine Kutsche, um in ihr Hotel zu gelangen, und in dieser Kutsche fällt Jo auf, dass Louis Bernard, von dem sie sich kurz zuvor verabschiedet haben, sich auf dem Markplatz, wo der Bus gehalten hat, „in einer äußerst vertrauten Weise“ ausgerechnet mit jenem Marokkaner unterhält, der sich zuvor über Hank’s Missgeschick mit dem Schleier so aufgeregt hat [JO – zu BEN: „[…] Sie haben sich unterhalten wie zwei sehr alte Freunde. […] Ich finde, dass Mr. Bernard ein ziemlich mysteriöser Mann ist“].

Jo wirft ihrem „Husband“ dann die besagte „Einseitigkeit“ von dem vor, was er offenbar lediglich für „a casual conversation“ gehalten hat [Reaktion von JO: „Nein, das war‘s durchaus nicht, Liebling. Es war eher ein Frage- und Antwort-Spiel, und du hast geantwortet“]. Schließlich rückt sie mit ihrem Verdacht heraus, dass „Mr. Bernard“ etwas zu verbergen habe [„abschwächende“, dem Urteil seiner Frau „keine allzu große Bedeutung beimessende“ Antwort von BEN: „Ach, Kindchen. Natürlich ist dies das geheimnisvolle Marokko, aber das kann uns beide doch nicht erschüttern, wie?“; // Anmerkung: „I know this is mysterious Morocco, but we’re not gonna loose our head, are we?“ (James Stewart zu Doris Day) – dass dies, wenn die Umgebung vertraut erscheint, nur trügerischer Schein sein kann und man allzu leicht zum „Fremden im eigenen Land wird“, ist ein altes Hitchcock-Motiv, doch hier in „The Man Who Knew Too Much“ sind Doris Day & Jimmy Stewart von Anfang an „Fremde in einem fremden Land“ und werden dann relativ bald von „gelangweilten Betrachtern“ zu „teilnehmenden Akteuren“]. 

Als sie vor dem „Hotel de la Mamounia“ aussteigen, fällt Jo auf, dass ein anderes Paar oder Ehepaar, das in der Folge in die Kutsche steigt, mit der sie gekommen sind, ein auffälliges Interesse an ihrer Ankunft gezeigt hat – „We’re being watched“ [JO zu BEN].

„In the Evening“ ist Louis Bernard schließlich, wie verabredet, Gast in der Suite der McKennas, und Jo McKenna & der kleine Hank singen gerade, quasi im Duett, den Song „Que Sera, Sera“ [JO – „singing“: „Que sera, sera / What will be will be“ --- HANK – „singing“: „When I was just a little boy / I asked my mother / What will I be […] / Will I be handsome / Will I be rich / Here’s what she said to me“ --- JO – „singing“: „Que sera, sera / What will be will be / The future’s not ours to see / Que sera, sera / What will be will be“; // Anmerkung: „Ist n‘ schöner Moment. Ruinieren wir ihn nicht“ (Tom Cruise zu Val Kilmer in Top Gun: Maverick aus 2022) – tja, das ist, genauso wie das Wiedersehen zwischen Cruise & Kilmer in der überraschend gelungenen Top Gun-Fortsetzung, wirklich ein schöner Moment in der Filmgeschichte, den man nicht unterbrechen sollte, wenn Doris Day & „Hank“ Christopher Olsen hier „Que Sera, Sera“ singen, und trotzdem muss ich an der Stelle anmerken, dass Doris Day im gesamten Film dem düsteren Mutterbild Hitchcocks, das dann 1960 in Psycho gleichsam seinen „Höhepunkt“ erreicht, eine Absage erteilt, auf jeden Fall aber einen deutlich „helleren Anstrich“ verpasst].

Ich bin ganz begeistert von dem Gesang Ihrer Frau“ [LOUIS BERNARD zu BEN] – nachdem „Monsieur Bernard“ sich begeistert über das „Singing“ gegeben hat, kommt es zu einer Unterhaltung zwischen der „Sängerin“ und ihm auf dem Balkon, wo aber die „Fragestunde“ weitergeht. Bernard will zum Beispiel wissen, wo „Mrs. McKenna“ überall aufgetreten ist. Daraufhin stellt sie ihm, angesichts von Auftrittsorten wie Paris oder London, „Gegenfragen“ und will von dem „Mann mit dem französischen Akzent“ wissen, ob er überhaupt schon mal in Paris gewesen ist [Antwort von LOUIS BERNARD: „Ich bin dort geboren“; // Anmerkung: In Paris geboren wurde, und das 1932, auch der Hitchcock-Interviewer François Truffaut, dessen nicht allzu ausgeprägten Englischkenntnisse natürlich in den Interview-Sessions mit Hitchcock zu einiger „Übersetzungsarbeit“ geführt haben; aber auch andere englischsprachige Filmregisseure hatten mit dem Franzosen Truffaut angesichts der „Sprachbarriere“ ihre Schwierigkeiten in der Kommunikation, so zum Beispiel auch Woody Allen, der immer ein großer Truffaut-Fan war und die 1984 verstorbene Nouvelle-Vague-Ikone auch persönlich getroffen hat: „Truffaut bin ich im Haus von Sue Mengers begegnet. Wir nahmen Sprachstunden beim selben Lehrer, er, um Englisch, ich, um Französisch zu lernen. So kannte jeder von uns nur ein paar Wörter von der Sprache des anderen. Wir waren wie Schiffe, die in der Nacht aneinander vorbeifahren. Das große Barrierriff der Sprache. Aber er mochte meine Filme, und ich verehrte seine wie wahnsinnig“ (Copyright: W. Allen - „Ganz nebenbei“); Sue Mengers (1932 – 2011): legendäre Hollywood-Agentin, die sozusagen für die „filmmakers“ der New-Hollywood-Generation „important“ war].

Nach der „Paris-Frage“ will „Mrs. McKenna“ dann wissen, in was für einem „Business“ Bernard überhaupt tätig ist [Antwort von LOUIS BERNARD: „Ich verkaufeund ich kaufe. […] Was am meisten Profit abwirft“], und als auch dies „nichts Konkretes“ hervorgebracht hat, wird noch Jo’s Theater-Vergangenheit angesprochen [LOUIS BERNARD: „Was haben Sie für Stücke gespielt?“; // Anmerkung: „Mein Güte, ich kann es nicht glauben, dass ich wieder hier steh. […] Ach, dieses alte Theater. […] So durchtränkt von Erinnerungen. So durchdrungen von Geist. Frau Alvin. Onkel Wanja. Dort ist Cordelia. Hier ist Ophelia. Klytämnestra! Jede Vorstellung eine Geburt, jeder Vorhang ein Tod“ (die ein Bühnencomeback versuchende Dianne Wiest in Bullets over Broadway (1994) von Woody Allen) – Doris Day spielt also in Der Mann, der zuviel wusste so etwas wie „eine ehemalige Sängerin mit Theatererfahrung, die nun ausschließlich Ehefrau & Mutter ist“; Day hatte vor ihrer Zeit als „erfolgreiche Sängerin & kassenträchtiger Filmstar“, also in den 1940er-Jahren, tatsächlich allerhand „Bühnenerfahrung“ gesammelt, das allerdings nicht unbedingt auf Theaterbühnen, sondern als „singer“ in diversen Nacht- & Jazzclubs; abgesehen davon war Day, was ihre Rollen betrifft, in den Post-„The Man Who Knew Too Much“-Jahren tendenziell entweder als „housewife & mother“ zu sehen (wie in Meisterschaft im Seitensprung aus 1960 & Was diese Frau so alles treibt aus 1963) oder als „ambitionierte Karrierefrau“ (wie in Bettgeflüster & Ein Pyjama für zwei) oder als „working girl“ (wie in Ein Hauch von Nerz aus 1962 mit Co-Star Cary Grant)].

In dem Moment klopft es an der Hotelzimmertür. Jo, der die Unterbrechung gerade recht kommt, öffnet die Tür, und „draußen vor der Tür“ steht ein „suspicious“ aussehender Fremder mit zerfurchtem Gesicht, der einen Blick in Richtung Bernard wirft und anschließend vorgibt, nach dem Zimmer eines gewissen „Monsieur Montgomery“ zu suchen [Anmerkung: Der „Stranger vor der Tür“ wird von Reggie Nalder gespielt, einem gebürtigen Wiener(!), der eigentlich Alfred Reginald Natzler hieß, 1907 geboren wurde und 1991 in Los Angeles verstarb; Nalder, Sohn des österreichischen Operettensängers & „actors“ Sigmund Natzler, startete seine Filmkarriere nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien, und im Laufe dieser Karriere war er unter der Regie einiger „Meister aller Klassen des Kinos“ tätig; so war er eben nicht nur in dem Hitchcock-Film zu sehen, sondern auch im Regie-Debüt des italienischen Horrorfilm-Maestros Dario Argento, betitelt mit Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970), sowie in Federico Fellini’s genauso „leicht monströsem“ wie faszinierendem Casanova-Film Il Casanova di Federico Fellini (OT) mit Donald Sutherland aus dem Jahr 1976; Nalder gehörte 1979 auch zur Cast der TV-Horror-Mini-Serie Brennen muss Salem, die von dem The Texas Chain Saw Massacre-Macher Tobe Hooper inszeniert wurde; in dieser Adaption von Stephen King’s berühmtem Schauerroman „Salem’s Lot“ (1975) spielte der gebürtige Österreicher den „Ober-Vampir“ „Dr. Kurt Barlow“ – „I cannot grow old in Salem’s Lot“ (Copyright: Eminem)].

Louis Bernard wirkt, nachdem sich der offenbar ebenfalls französischsprachige Mann für die Störung entschuldigt hat und er wieder verschwunden ist, beunruhigt. Er führt anschließend ein Telefonat „in French“ und behauptet plötzlich, dass er wegen eines „vergessenen wichtigen Termins“ nicht mit in das „Moroccan Restaurant“ kommen kann – ein Umstand, der bei Hank McKenna zu Verwunderung führt, bei Jo McKenna aber zu einer Mischung aus Verwunderung & Erleichterung [Anmerkung: 1955, das Jahr, in dem Der Mann, der zuviel wusste unter anderem eben „on Location in Marokko“ gedreht wurde und in dem Alfred Hitchcock auch die US-Staatsbürgerschaft erhalten hat, war übrigens auch das Jahr, in dem die allererste Begegnung zwischen dem jungen „Filmreporter“ François Truffaut und Hitchcock stattfand, und zwar im französischen Joinville, wo „Hitch“ an der Nachsynchronisation der Côte d’Azur-Außenaufnahmen von Über den Dächern von Nizza arbeitete].

 

 

[To be continued...]

 

 

(ENDE der TEILE 1.1, 1.2.1, 1.2.2 & 1.3.1; Fassungen vom 24.11.2022, 26.11.2022, 27.11.2022 & vom 29.11.2022)