NO PULP IN THE FICTION: "2"                                          Kapitel "DEATH PROOF - TODSICHER" (TEIL 4 & ENDE)

 

„SNAKE…PLISSKEN!“

 

(Quentin Tarantino & Robert Rodriguez „performen“ gemeinsam, und das in der Doku „Kurt Russell as Stuntman Mike“, den Namen der Hauptfigur von John Carpenter’s Sci-Fi-Klassiker Die Klapperschlange/OT: Escape from New York – die Rolle des Häftlings- & Ex-Elitesoldaten „Snake Plissken“ gilt als Rolle, die Kurt Russell seinerzeit, 1981, endgültig zum Star gemacht hat; 1996 drehten Carpenter & Russell dann die weit weniger gelungene Fortsetzung Flucht aus L.A./OT: Escape from L.A., die aber mehr wie „ein Remake von Teil 1“ daherkommt; als weiteres Highlight in der Zusammenarbeit von Carpenter & Russell kann der berühmte Science Fiction-Horrorfilm Das Ding aus einer anderen Welt/OT: The Thing von 1982 gelten, in dem es Russell in der Antarktis mit einer außerirdischen Lebensform, einer fiesen Art von „Formwandler“, zu tun bekommt; mein ganz persönlicher John Carpenter arbeitet mit Kurt Russell-Favorit bleibt aber die kultige „Fantasy- sowie Martial Arts- & Action-Komödie“ Big Trouble in Little China von 1986, vor allem auch deswegen, weil dieser Film in den späten 80ern zu meinen absoluten „video shop-favorites“ gezählt hat, soll heißen: weil ich Big Trouble in Little China, der rein qualitativ sicherlich nicht mit Die Klapperschlange & Das Ding mithalten kann, seinerzeit relativ oft in der Videothek entliehen habe)

 

 

 

Ich weiß nur, dass es sich anfühlte wie ein großartiger Abend in den 70er-Jahren

&

Damals hatte ich mich regelmäßig für solche Filme vorgestellt, ich wusste, was auf mich zukommt. Ich fand`s toll

&

Das ist eine derjenigen Erfahrungen, bei denen du sagst: `Wenn alles so wäre wie das hier, würde man wirklich darüber nachdenken, es umsonst zu machen`. Aber, wie wir alle wissen, wenn man für Quentin arbeitet, tut man es wegen des Geldes. Das ist jedenfalls der Grund, warum ich hier bin [LACHT auf]“

&

Ich war schon immer ein großer Fan von Kurt Russell […]. Ich dachte immer schon, dass er großartig ist, von dem Zeitpunkt an, als er Elvis spielte, bis hin zu den ganzen Charakteren, die er in John Carpenter-Filmen spielte und in `Mit einem Bein im Kittchen`. Er war schon immer einer meiner Lieblingsschauspieler

 

(Zitat 1 & 2: Kurt Russell in „Tarantino – The Bloody Genius“ über die Death Proof-Erfahrung; // Zitat 3: „gelungener Schluss-Witz“ von Kurt Russell in der Doku „Kurt Russell as Stuntman Mike“; // Zitat 4: „QT on Kurt Russell“ in der Doku „Kurt Russell as Stuntman Mike“; Anm.: Tarantino bezieht sich auf den TV-Film Elvis aus dem Jahr 1979, einer weiteren Zusammenarbeit zwischen Carpenter & Russell, sowie eben auf Robert Zemeckis` satirische Komödie Used Cars (OT) von 1980)

 

 

 

Der DEATH PROOF – TODSICHER-Bösewicht „Stuntman Mike“ ist sicherlich weit entfernt von einem „akzeptablen Date“ oder gar von einem „sweet talkin` sugar coated candyman“, so wie ihn Christina Aguilera in ihrem „Freitag-Nacht-Ausgeh-Song“ „Candyman“ (2008) besingt oder dergleichen, aber: Man muss zumindest anführen, dass „Stuntman Mike“ in der Gestalt von Kurt Russell wenigstens eindeutig besser aussieht als diverse andere „Slasher-Film-Bösewichte“ wie etwa „Michael Myers“ (Halloween-Reihe), „Jason Voorhees“ (Freitag der 13.-Reihe) oder gar „Freddy Krueger“ (Nightmare on Elm Street-Reihe).

Die Frage, wann Kurt Russell (weitere Filmographie-Highlights abseits der Carpenter- & Tarantino-Filme: die amüsante Komödie Overboard – Ein Goldfisch fällt ins Wasser von 1987, in der Russell mit seiner Langzeit-Lebenspartnerin Goldie Hawn zu sehen ist, sowie auch die „erstaunlich kontemplative“ Kriminal- & Liebesfilm-Mixtur Tequila Sunrise von Robert Towne aus 1988 mit den Co-Stars Mel Gibson & Michelle Pfeiffer) wieder einen „bad ass“ spielen würde, hatte Tarantino privat angeblich schon längere Zeit beschäftigt, aber auf die Idee, Russell die Rolle von „Stuntman Mike“ zu geben, kam QT erst, nachdem auf dem Set von Rodriguez‘ Planet Terror zwischen Tarantino & Rodriguez gleichsam „a joke“ darüber zu kursieren begann, dass der „Action-Horror-Thriller“ Planet Terror jener „verlorengegangene Film“ sei, den John Carpenter zwischen Die Klapperschlange und Das Ding aus einer anderen Welt hätte drehen sollen (QT: „Also, als wir über diesen ganzen John Carpenter-Kram geredet haben, trifft es mich plötzlich wie der Blitz, dass Kurt Russell großartig für die Rolle wäre“).

Abseits des ganzen Psychokiller-Aspekts und der damit natürlich auch verbundenen „Klischees“ sieht Tarantino in „Stuntman Mike“ eine Figur, die durchaus einen gewissen Grad an Realismus mitbringt und jemandem wie Kurt Russell (Jahrgang 1951), nach all den Jahren im Filmgeschäft, nicht ganz „fremd“ war (QT: „Kurt begriff diesen Mann wirklich, und damit meine ich diese ganze Sorte von Stuntleuten, diese Sorte von professionellen Filmleuten, die es so gut wie gar nicht mehr gibt. Es liegt ungefähr zwei, fast vier Generationen zurück. Aber Kurt Russell ist in einem Hollywood aufgewachsen, in dem diese Generation noch das Sagen hatte“; Quelle: Doku „Kurt Russell as Stuntman Mike“).

Dass Kurt Russell „aus einer sehr athletischen, machomäßig-fahrenden, Pferde reitenden Familie“ (QT) kommt, war für die Autostunt-Szenen natürlich kein Nachteil, wobei Russell bei den wirklich riskanten Stunts, die bei Geschwindigkeiten zwischen 130-160 km/h stattfanden, klarerweise von jemanden gedoubelt wurde, den Tarantino für „eine[n] der größten Stuntleute, die je gelebt haben“ hält, nämlich Buddy Joe Hooker (Jahrgang 1942), der, beispielsweise, auch für diverse Autostunt-Höhepunkte in dem Burt Reynolds-„Gator McKlusky“-Film Der Tiger hetzt die Meute (1973; White Lightning; Regie: Joseph Sargent) verantwortlich war (QT: „Einer der besten Verfolgungsjagd-Filme aller Zeiten ist der Burt Reynolds-Streifen `Der Tiger hetzt die Meute`. Und er[Buddy Joe Hooker] ist derjenige, der am Ende des Films den Wagen über Burt Reynolds hinwegfährt. Er `fliegt` ihn in die Luft und stürzt ihn in den Bach“).

Ähnlich wie Kurt Russell sah auch die ältere Stuntmen-Riege, die für Tarantino bei DEATH PROOF – TODSICHER zum Einsatz kam und dort eben vertreten durch Terry Leonard (Jahrgang 1941), Jeff Dashnaw (Jahrgang 1956) & Buddy Joe Hooker war, in dem „killer stunt driver“ Stuntman Mike keine ganz unrealistische Figur, sondern eher eine, die ihnen im Filmgeschäft quasi schon mal über den Weg gelaufen war (QT – über jene, die eine ähnliche „Film-Karriere“ wie „Stuntman Mike“ vorzuweisen haben: „Er taucht mal im Abspann auf, nichts, was dir die Schuhe auszieht, aber genug, um zu sagen, dass er mitgespielt hat“; Anm.: Kurt Russell hatte übrigens tatsächlich einmal einen Gast-Auftritt in der Western-Serie High Chaparral (1967-1971), jener Serie also, die von „Stuntman Mike“ als eines seiner „Filmographie-Highlights innerhalb seiner Stuntman-Karriere“ gegenüber „Warren & Co“ im „Huck’s“ angeführt wird – Russell spielte 1970 in der dritten Staffel von High Chaparral in der Folge „Die Waffen des Johnny Rondo“/OT: „The Guns of Johnny Rondo“ mit).

Als größten Verdienst von Russell bei DEATH PROOF – TODSICHER empfand Tarantino übrigens den Umstand, dass dieser „Stuntman Mike’s 180-Grad-Wende“ am Ende des Werks hin zu einem „heulende[n] Weichei“ (QT) zu einem der besten Teile des gesamten Films gemacht hatte (QT: „Es war zwar implizit im Drehbuch, dass es diese Richtung einschlägt, aber Kurt hat sich wirklich übertroffen, Kurt hat sich in den `feigen Löwen` verwandelt“; Quelle: „Kurt Russell as Stuntman Mike“), was dem ohnehin von Tarantino beabsichtigten Effekt, nämlich, dass man zum Schluss, nachdem sozusagen der Spieß zwischen den „Girls“ und „Mike“ umgedreht wurde, plötzlich „einen völlig anderen Film“ betrachtet, ungemein entgegengekommen ist.

 

 

 

Woody Allen, wenn man wiederum diesen Vertreter jener gleichsam „höchsten Klasse weltbekannter Regisseure“ herauspickt, zu der auch Tarantino gehört, hat einmal 1991 in einem Interview im Zusammenhang mit dem Thema Kassenerfolg gemeint: „Ich bin immer etwas misstrauisch, wenn ein großes Publikum meine eigenen Filme mag – weil ich nun einmal so bin“.

Nun, von Tarantino ist nichts dergleichen überliefert, aber seinerzeit, 2007, herrschte durchaus der Tenor vor, dass DEATH PROOF – TODSICHER sozusagen „der erste veritable Flop“ sei, den QT produziert hat.

Und tatsächlich steht bei dem Werk, das seine Uraufführung am 6. April 2007 feierte, ein Budget von ca. 30 Millionen US-Dollar einem weltweiten Einspielergebnis von, um möglichst präzise zu sein, lediglich 31.126.421 US-Dollar gegenüber, was es, wenn man das KILL BILL-Epos als zwei eigenständige Filme betrachtet, lediglich zum neunt-erfolgreichsten Tarantino-Movie macht (Anmerkung: Die Double Feature-Version von Planet Terror & Death Proof, die eine Laufzeit von 191 Minuten hatte, spielte „worldwide“, bei einem Gesamtbudget von rund 67 Millionen US-Dollar, überhaupt nur etwas mehr als 25 Millionen US-Dollar ein).

Auch die Kritik gab sich seinerzeit durchaus gespalten in Bezug auf Tarantino’s fünften Spielfilm. So nannte das Empire-Magazin den Film „seriously entertaining“ und die berühmte französische Filmzeitschrift Les Cahiers du cinéma ernannte das Werk überhaupt zum „zweit-besten Film des Jahres 2007“, hinter Gus Van Sant’s Psycho-Drama Paranoid Park und gemeinsam mit David Lynch’s „3-stündigem Experimentalfilm“ Inland Empire.

Roger Ebert hingegen kritisierte das Werk in der Chicago Sun-Times wegen „überlanger Szenen“ und wegen der „ausschweifenden, gleichsam expositorischen Dialoge“. Und auch die britische Tageszeitung The Guardian meinte, dass die „long, long, long conversations“ in DEATH PROOF – TODSICHER eine Art „big comedown“, einen „großen Abstieg“, gegenüber den „glorreichen Dialogen“ von RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE und PULP FICTION bedeuten würden.

 

 

 

 

EPILOG

 

 

Tarantino’s „Slasher-Film-Hommage“ DEATH PROOF – TODSICHER kann nicht unbedingt mit den vier vorherigen Tarantino-Filmen mithalten, punktet aber durch die großartigen Autostunts und vor allem mit der „participation“ von Kurt Russell, dem man die „Spiel-Freude“ sicherlich in jeder Sekunde anmerkt (Kurt Russell: „Was unterscheidet Quentin von anderen Regisseuren? Man muss nie Angst davor haben, dass die Freude rausgeschnitten wird“; Quelle: Doku „Tarantino – The Bloody Genius“).

DEATH PROOF – TODSICHER gehört, darüber hinaus, aber auch zu einer Klasse von filmischen Werken, die über „heimliche Höhepunkte“ verfügen, so wie zum Beispiel, um auf das Werk eines anderen im Laufe des Kapitels bereits erwähnten Regie-Kapazunders zu sprechen zu kommen, in einem Film wie Ingmar Bergman’s Der Ritus (1969; Riten; mit Gunnar Björnstrand & Ingrid Thulin) der „heimliche Höhepunkt“ darin besteht, dass Ingmar Bergman selbst darin einmal -relativ kurz- als Priester zu sehen ist, in dessen Beichtstuhl es den Richter verschlagen hat, der über jene Schauspieler urteilen muss, die wegen „Obszönitäten auf der Bühne“ angeklagt sind.

So etwas wie der „heimliche Höhepunkt“ von DEATH PROOF – TODSICHER ist aber nicht, wie man jetzt vielleicht meinen könnte, Tarantino’s Auftritt als „Barkeeper Warren“, sondern vielmehr Mary Elizabeth Winstead’s „Gesangsdarbietung im Auto“, als sie ihre iPod-Kopfhörer im Ohr hat und dabei -laut- den Song „Baby It’s You“ von Smith aus dem Jahr 1969 mitsingt.

Die ganze Gesangsdarbietung, die auch als „Extra“ auf diversen Death Proof-Blu-ray-Ausgaben in voller Länge zu sehen ist, ist aber nicht nur, aufgrund ihrer Qualität, denn Winstead ist keine Sängerin, ein „heimlicher Höhepunkt“, sondern fast schon wieder so etwas wie ein echter „Magic Moment“, den auch QT & sein Team selbst, wie man in der Dokumentation „Quentin’s Mädels“ sehen & hören kann, auf Anhieb als einen solchen empfunden haben (QT: „Sie […] begann zu singen und es war fantastisch. Und es haute wirklich das gesamte Team um. An dem Tag waren wir alle verrückt nach Mary Elizabeth“).

 

 

 

Is it true what they say all about you?

They say you’ll never, ever, never be true

It doesn’t matter what they say

I know I’m gonna love you any old way

What could I do without you?

I don’t want nobody, nobody

Baby, it’s you

 

(aus dem Song „Baby It’s You“ von Smith, enthalten auf dem Death Proof-Soundtrack)

 

 

 

 

(Fassung vom 27.01.2021)