NO PULP IN THE FICTION: "2"                                          Kapitel "INGLOURIOUS BASTERDS" (TEIL 2)

 

Down with Hitler

All the way down, sir

 

(aus: INGLOURIOUS BASTERDS; sozusagen das Credo von Tarantino’s „World War II movie“; Ausschnitt aus dem „Dialog während des Anstoßens mit Scotch & Whiskey“ zwischen „General Ed Fenech“ Mike Myers und „Lieutenant Archie Hicox“ Michael Fassbender in Anwesenheit von „Winston Churchill“ Rod Taylor; Dialog gemäß Skript; dt. Synchro: GEN. FENECH: „Auf den Untergang Hitlers!“ / LT. HICOX: „Na, dann nichts wie runter mit ihm“)

 

 

 

„[…] das Set ist die Kirche, er ist Gott, das Drehbuch ist die Bibel und Ketzer sind verboten

Stimmt, das gefällt mir. Das werde ich auch sagen, das übernehme ich

&

Es stimmt nicht, dass ich genau weiß, was ich will, wenn ich mit einem Film anfange. Ich weiß nicht einmal, was ich machen soll, wenn ich mich auf den Weg zum Drehort mache

 

(Zitat 1: Aussagen von Brad Pitt & Quentin Tarantino; Brad Pitt gibt, in der Inglourious Basterds-Interview-Session „Diskussion am Runden Tisch mit Quentin Tarantino, Brad Pitt und Elvis Mitchell“, zunächst einen „halbernsten“ Eindruck von den „Zuständen auf einem Tarantino-Set“ und Tarantino meint daraufhin, dass er diesen Sager in Zukunft bei Dreharbeiten „standardmäßig“ bringen wird; // Zitat 2: Aussage von Woody Allen in einem Interview aus dem Jahr 1991, die ein wenig mit diversen „Mythen“, „Huldigungen“ & „Klischees“ aufräumt, welche man in „Making Ofs“ oder „Interview-Sessions“ im Zusammenhang mit Filmregisseuren regelmäßig so präsentiert bekommt)

 

 

 

Und außerdem ist das Filmemachen echt anstrengend. Als ich nur ein Filmfreak war, betrachtete ich Fassbinder’s Karriere und fand: `Na, das ist doch eine Karriere! Dreißig Filme in zehn Jahren, so macht man das!` Jetzt denke ich: `Weißt du was, das Leben ist zu kurz für so etwas`

 

(QT im Jahr 1994, also in der PULP FICTION-Zeit, im US-TV und zu Charlie Rose in dessen „Charlie Rose-Show“ - INGLOURIOUS BASTERDS bedeutete zwar eher „Fassbender statt Fassbinder“, denn Michael Fassbender, damals noch mehr ein „upcoming star“, hat darin ja einen Auftritt als britischer Lieutenant & Ex-Filmkritiker, aber zumindest führte sein sechster Film Tarantino schließlich in die „homecountry“ der Regie-Legende Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), da Teile des Werks nicht nur in Frankreich, sondern vor allem auch in Deutschland entstanden sind, wo etwa im berühmten „Babelsberg Film Studio“ in Berlin-Potsdam gedreht wurde; Anm.: Die „offizielle Statistik“, was Rainer Werner Fassbinder, eine der großen Ikonen des „Neuen Deutschen Films“, betrifft, lautet: Fassbinder drehte zwischen 1969 und 1982 „über 40 Filme“)

 

 

 

Ich hatte nie den Wunsch, die Geschichte meines Herkunftslandes wieder und wieder durchzuspielen. Da erschien mir die Handlung sehr erfrischend

&

Wir spielten mit der Geschichte. `Inglourious Basterdswo sogar Geschichte zum Bastard wird`

 

(Zitat 1: Statement der „Bridget von Hammersmark“-Darstellerin Diane Kruger mit Bezug auf die „Es war einmal…“- / „Once Upon a Time…“-Komponente von INGLOURIOUS BASTERDS, die sich natürlich am stärksten bei dem wahrlich „märchenhaften“ Das Attentat auf Hitler & Co gelingt und der Krieg ist beendet-Aspekt zeigt; Quelle: „Tarantino – The Bloody Genius“; // Zitat 2: eine Art „Werbespruch“ von Brad Pitt, der ebenfalls auf den „kreativen Umgang mit Geschichte“ abzielt, der in dem „wartime movie“ geboten wird – Quelle: Interview-Session „Diskussion am Runden Tisch mit Quentin Tarantino, Brad Pitt und Elvis Mitchell“)

 

 

„[…] I think this just might be my masterpiece“ – Diese „letzten Worte“ von „LT. ALDO“ in INGLOURIOUS BASTERDS spiegeln wohl auch den Eindruck wider, den Tarantino selbst von seinem fertiggestellten „Basterds“-Drehbuch (Endfassung: 2. Juli 2008) hatte, denn er betrachtete es seinerzeit tatsächlich als „sein Meisterwerk“ (Brad Pitt – über die Qualität des Skripts: „Man will nichts verändern. Ich vergleiche es mit einem Skript der Coen-Brothers. Der Text ist perfekt, er hat einen Rhythmus und wenn man einen Schritt abweicht, zerstört man alles“).

Der Weg bis zu diesem „final draft“ des Inglourious Basterds-Skripts war jedoch ein langer und dauerte, genau genommen, fast ein Jahrzehnt.

Eine erste Drehbuchfassung war bereits 1998 entstanden, also nach der Veröffentlichung von QT’s drittem Film JACKIE BROWN, und die Kapiteln 1 & 2 von Inglourious Basterds („ONCE UPON A TIME IN…NAZI-OCCUPIED FRANCE“ & „INGLOURIOUS BASTERDS“), die es dann letztendlich auch in den fertigen Film geschafft haben, wurden in ihren Grundzügen tatsächlich bereits Ende 90er-Jahre geschrieben.

Als Grundproblem bei der Drehbuchentwicklung zeigte sich einerseits etwas „Tarantino-Typisches“, nämlich, dass er es sozusagen beim Schreiben mit einer „growing & expanding“ Story zu tun bekam, soll heißen: der Umfang des Drehbuchs wurde zunehmend „monströser“, und andererseits, dass es Tarantino schwerfiel, ein „passendes Ende“ für seine Geschichte zu finden (QT: „It was some of the best writing I’ve ever done. But I couldn’t come up with an ending“).

In einer frühen Drehbuch-Version stand bei INGLOURIOUS BASTERDS noch nicht so sehr der „Eine junge Frau übt Rache an den Nazis für die Ermordung ihrer Familie“-Aspekt im Vordergrund, sondern noch eher der „Ein Haufen Kerle auf einer Mission“-Aspekt, welchen Tarantino von diversen World War II-Filmen beziehungsweise World War II-Agenten-Filmen wie Das dreckige Dutzend (1967; The Dirty Dozen; Regie: Robert Aldrich; mit Lee Marvin & Charles Bronson), Agenten sterben einsam (1968; Where Eagles Dare; Regie: Brian G. Hutton; literarische Vorlage: Alistair MacLean; mit Richard Burton & Clint Eastwood) oder Die Kanonen von Navarone (1961; The Guns of Navarone; Regie: J. Lee Thomson; mit Gregory Peck & David Niven) inspiriert sah.

Den Titel seines Films, „INGLOURIOUS BASTERDS“, also: „Unrühmliche Bastarde“, hat sich QT übrigens auch von einem anderen Kriegsfilm „ausgeborgt“, nämlich von Enzo G. Castellari’s „1978 Italian-made“ The Inglorious Bastards - der italienische Regisseur Castellari, wenn man so will ein bedeutender Vertreter des sogenannten „Macaroni Combat“- Movies der 70er-Jahre, hat im 2009er-Film sogar einen Cameo-Auftritt als „German general“ während der „Stolz der Nation“-Premiere. Das absichtliche „misspelling“ des Titels, das ja beim englischen Verleihtitel von Castellari’s Werk nicht vorhanden ist und das mehr oder weniger einer „französischen Aussprache“ der beiden Worte „inglorious“ & „bastards“ nachempfunden ist, hat, so wie Tarantino 2009 bei den Filmfestspielen von Cannes einmal festgehalten hat, für ihn eher einen „Basquiat-esque touch“ (Anmerkung: Jean-Michel Basquiat (1960-1988): US-Graffitikünstler & Neoexpressionist, der vor allem auch dafür bekannt war, Schrift-Elemente in seine Bilder zu integrieren, und zwar durchaus auch in französischer oder deutscher Sprache).

Wie auch immer, 2002 erschien QT das Inglourious Basterds-Projekt dann als „a bigger film than planned“ und er entschied sich in der Folge bekanntlich dafür, mit Uma Thurman das KILL BILL-Epos zu realisieren.

Danach zog der Regisseur sogar kurz in Erwägung, aus dem Inglourious Basterds-Stoff eine TV-Mini-Serie zu machen. Letztendlich „trimmte“ Tarantino sein Skript dann aber „to a certain length“, wobei er sich sein altes Pulp Fiction-Drehbuch als „Vorbild für die maximale Länge des Drehbuchs“ nahm und rein inhaltlich den Fokus wieder mehr auf das „Eine Gruppe von Söldnern, die allesamt dem Tod entronnen sind, jedoch keine `Normal-Hero-Types` sind, helfen den Alliierten“-Motiv richtete.

In Produktion sollte INGLOURIOUS BASTERDS dann eigentlich bereits 2005 gehen, aber Tarantino zog es schließlich vor, eine „acting role“ in Takashi Miike’s in englischer Sprache gedrehter „japanisches Eintopfgericht“-, „Italo-Western“- & „Django“-Hommage Sukiyaki Western Django (2007) anzunehmen. In der Folge spielte QT dann sogar kurz mit dem Gedanken, quasi aus dem „Windschatten“ seines KILL BILL-Epos von 2003/2004 heraus, einen Kung Fu-Film zu drehen, und zwar ausschließlich in Mandarin.

Bevor INGLOURIOUS BASTERDS dann endgültig realisiert wurde, widmete sich Tarantino aber bekanntlich noch dem Death Proof-„Grindhouse“-Projekt, an dem er im Nachhinein des Öfteren dessen „mühselige Langwierigkeit“ (QT) kritisiert hat, die er als „Energie-raubend“ empfunden hat.

Der „last & final draft“ des „Basterds“-Skripts, der dann eben als Grundlage für die Film-Dreharbeiten in Deutschland und Frankreich diente (Produktions-Budget: rund 70 Millionen US-Dollar), hatte die „Tarantino-übliche“ Romanstruktur, in deren Mittelpunkt drei Figuren standen, nämlich „Hans Landa“, „Aldo Raine“ und „Shosanna Dreyfus alias Emmanuelle Mimieux“ (Brad Pitt: „Dieser Film funktioniert eher wie ein Roman, denn es gibt fünf einzelne Kapitel. […] Es gab große Zeitsprünge. […] Als würde ein Maler nur die Kurven einer Figur malen, aber wenn alles zusammenkommt, ist die ganze Figur da“ // QT: „Was die Struktur des Films angeht: Die Struktur beruht auf drei Figuren. Das erste Kapitel ist die Einführung von Landa, das zweite Kapitel ist die Einführung von Aldo und den Basterds, das dritte Kapitel ist nicht die Einführung von Shosanna, aber ihr Aufbau. Das sind unsere drei Hauptfiguren und sie erleben drei verschiedene Geschichten. Von Kapitel vier bis Kapitel fünf ist es ein Abenteuerfilm, es spielt sich ab und die Figuren überlappen sich langsam, dieses und jenes passiert. Aber ich strukturierte die erste Hälfte des Films mit je einem Kapitel für meine drei Hauptfiguren. Und dann sieht man zu, wie sie sich vermischen“; Quellen: Interview-Session „Diskussion am Runden Tisch mit Quentin Tarantino, Brad Pitt und Elvis Mitchell“).

Ein besonderes Augenmerk wurde, wie schon bei KILL BILL Vol. 1 & 2, wo zum Beispiel neben Englisch auch Japanisch oder Chinesisch gesprochen wurde, bei INGLOURIOUS BASTERDS wiederum auf die „Multisprachlichkeit“ gelegt, was hier eben heißt, dass nicht etwa Englisch „das neue Deutsch oder Französisch“ ist, sondern, dass jede Sprache, im Sinne eines „Sprach-Realismus“, quasi „zu ihrem Recht“ kommt (Brad Pitt: „Ein großartiges Merkmal des Films ist, dass jede Nationalität in ihrer eigenen Sprache dargestellt wird, statt dass alle versuchen, Englisch zu sprechen mit einem Akzent“).

Tarantino wollte durch diese „gelebte Multisprachlichkeit“ also genau jenen Effekt verhindern, der ihn beispielsweise an einem Kriegsfilm wie Agenten sterben einsam stets ein wenig gestört hat, nämlich, dass sich darin die englischsprachigen Soldaten „Major Jonathan Smith“ Richard Burton und „Lieutenant Morris Schaffer“ Clint Eastwood im „Schloss Adler“ (in Wahrheit die Festung Hohenwerfen in der Nähe von Salzburg), in das sie im Rahmen ihrer Mission mühsam eingedrungen sind, sozusagen plötzlich „problemlos“ mit „Nazis“ wie „General Julius Rosemeyer“ (gespielt von Tanz der Vampire-Legende Ferdy Mayne) oder „SS-Standartenführer (Colonel) Paul Kramer“ (gespielt von dem deutschen Charakterdarsteller Anton Diffring) unterhalten können (QT: „[…] Und dieser [multisprachliche] Aspekt fehlt den anderen Kriegsfilmen, denn in `Agenten sterben einsam` ist Deutsch Englisch und Richard Burton und Clint Eastwood sprechen offenbar so gut Deutsch, dass sie nur ein Kostüm anziehen brauchen und im Club der Generäle rumhängen können“).

Übrigens spielt in Agenten sterben einsam, den ich persönlich für einen der unterhaltsamsten Filme der ausgehenden 60er-Jahre halte, auch eine Taverne eine größere Rolle, denn in einer solchen treffen sich Burton und Eastwood, als deutsche Soldaten verkleidet, mit einer Kellnerin namens „Heidi Schmidt“ (gespielt von der ehemaligen KZ-Insassin Ingrid Pitt), die in Wahrheit für den britischen Geheimdienst arbeitet.

 

 

 

(ENDE von TEIL 2; Fassung vom 04.03.2021)