NO PULP IN THE FICTION: "2"                                          Kapitel "DJANGO UNCHAINED" (TEIL 3 & TEIL 4 & ENDE)

 

Es sind starke Figuren und der Plot ist so interessant. Quentin beherrscht alle Aspekte seiner Kunst. Jeder Bereich trägt seine Handschrift. Die Sets, das Licht, einfach alles. Und natürlich die Kostüme. Er hat wirklich alles im Blick

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Es sind nicht nur Filmkostüme. Solche Sachen wurden wirklich getragen

 

(Zitat 1: Aussage der Django Unchained- Kostüm-Designerin Sharen Davis über QT’s „kreative Omnipotenz“ am Drehort; // Zitat 2: die „Lara Lee Candie-Fitzwilly“-Darstellerin Laura Cayouette über die Authentizität der Sharen Davis-Kostüme – Davis (Jahrgang 1957) fungierte als „Costume Designer“ z. B. auch bei dem Action-Klassiker Rush Hour (1998) oder dem Remake von Die glorreichen Sieben (2016); Quelle: Doku „The Costume Designs of Sharen Davis“)

 

 

Kerry Washington (Jahrgang 1977), die „Broomhilda `Hildi` von Shaft“-Darstellerin also, die auch in Tim Story’s Fantastic Four-Filmen zugegen war oder 2006, als Ehefrau von „Idi Amin“ Forest Whitaker, in dem durchaus gelungenen Politthriller Der letzte König von Schottland (The Last King of Scotland; Regie: Kevin Macdonald) agierte, hat im Zusammenhang mit DJANGO UNCHAINED von einem „Widerspiegelungseffekt“ zwischen den Figuren und ihren Kostümen, in denen sie agieren, gesprochen und in diesem Konnex eben auch die renommierte Kostümdesignerin des Films gelobt (Kerry Washington: „Besonders in Historienfilmen spiegelt sich der Charakter der Figuren in ihrer Kleidung, in ihren Schuhen und in ihrem Look wider. Und sie [Sharen Davis] sprüht [diesbezüglich] vor Ideen“).

Das Kleid, das Washington „in the final scene“ des Films trägt, war eine Art Hommage an den Italo-Western Blood for a Silver Dollar (1965; dt. Verleihtitel: Ein Loch im Dollar; Regie: Giorgio Ferroni) mit Giuliano Gemma, in dem die weibliche Hauptdarstellerin Ida Galli, die in dem Werk unter dem Pseudonym „Evelyn Stewart“ agierte, ganz ähnlich gekleidet war.

Im Zusammenhang mit Django-Darsteller Jamie Foxx (Anmerkung: Foxx, zu dessen besten Filmen zweifellos die beiden Michael Mann-Regiearbeiten Collateral von 2004 mit Co-Star Tom Cruise und Miami Vice von 2006 mit Co-Star Colin Farrell zählen, hatte die Rolle erhalten, nachdem Schauspieler wie Will Smith oder Michael K. Williams aus verschiedensten Gründen aus dem Rennen waren – trotzdem war Tarantino zunächst auch bezüglich Foxx skeptisch und hat, laut Foxx, angeblich Folgendes zu ihm gesagt: „Du hast eine Louis [Vuitton]-Tasche, du fährst einen Range Rover, ich will nicht den Fehler machen, jemanden zu besetzen, der bereits berühmt ist. Dann könntest du nicht zwischen dir und der Rolle unterscheiden“) ging es Davis vor allem darum, dass die Entwicklung der Figur auch in deren Outfits zum Ausdruck gebracht wurde, denn aus dem „Sklaven“ DJANGO wird schließlich im Laufe des Films der „Kopfgeldjäger & Cowboy“ DJANGO FREEMAN (Sharen Davis: „Django sieht zunächst wie ein Sklave aus, ohne jedoch einer Karikatur zu entsprechen. Es sollte authentisch sein. Sein Outfit am Schluss ist ein zeitloser Cowboy-Look, der zwar nicht typisch war, aber auch nicht aus dem Rahmen fällt. Denn weit im Westen gab es diesen Prärie-Stil, er war nur im Süden nicht populär“; Anm.: Die „Rockstar-artigen sunglasses“, die „Django“ Jamie Foxx an verschiedenen Stellen im Film und dann auch in der Schlussszene trägt, wurden „inspired“ von Charles Bronson, der 1977 in dem Western Der weiße Büffel/OT: The White Buffalo als alternder Outlaw „Wild Bill Hickok“ ebenfalls zuweilen mit Sonnenbrille agiert).

Offenbar eine besondere Herausforderung stellte die Aufgabe dar, für Christoph Waltz den richtigen Hut zu finden, denn der Character des „Dr. King Schultz“ sollte auch wirklich die Aura eines „Bounty Hunter[s]“ versprühen (Sharen Davis: „Am längsten hatten wir mit Christoph’s Hut zu tun. Der perfekte Hut. Er sollte nicht europäisch sein und er sollte kein Nordstaatler-Hut sein. Also kreierten wir einen, eine Kombination aus Melone und Cowboyhut. Das machte aus ihm den Kopfgeldjäger, der er sein musste“; Quelle: Doku „The Costume Designs of Sharen Davis“).

Davis war auch dafür verantwortlich, dass der wohl „bösartigste Plantagenbesitzer der Welt“, nämlich „Calvin Candie“, etwas „Schneidiges“ und „Charmantes“ an sich hat, und das liegt daran, dass sein Kleidungsstil, so wie Superstar Leonardo DiCaprio (Anmerkung: Meine persönlichen Favoriten aus der beinahe makellosen Filmographie des Schauspielers sind: Martin Scorsese’s Psychothriller Shutter Island von 2010, Clint Eastwood’s J. Edgar Hoover-Biopic J. Edgar aus 2011 & vor allem The Revenant – Der Rückkehrer, also jener grandiose & poetische Western von Alejandro G. Iñárritu aus dem Jahr 2015 für den DiCaprio den damals längst überfälligen Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ erhalten hat) in einem Interview bezüglich seiner Rolle in DJANGO UNCHAINED ausgeführt hat, durchaus auch „etwas Ambivalentes“ in sich birgt (Leonardo DiCaprio: „[Candie] hat etwas Aufgesetztes an sich. Er mimt einen europäischen, vornehm-barschen Aristokraten, aber das ist nur Schein. Sein Kleidungsstil ist schön. Aber er hat auch etwas Vulgäres und Gewagtes“).

Bei der Figur des „Spencer `Big Daddy` Bennett“ wollte Davis hingegen auch der Tatsache Rechnung tragen, dass Quentin Tarantino ein Fan von Don Johnson (Jahrgang 1949 – Filmographie-Highlights: Dead Bang – Kurzer Prozess von John Frankenheimer aus 1989 & The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer von Dennis Hopper aus 1990) und natürlich der TV-Serie Miami Vice ist (Sharen Davis: „Ich weiß, dass Quentin Don aus `Miami Vice` mag“), wobei ihr, was Big Daddy’s Aussehen betraf, der legendäre Gründer der Fast Food-Kette KFC (Kentucky Fried Chicken) in den Sinn kam, nämlich Colonel Harland Sanders – und „Spencer Bennett“ sollte dementsprechend ein „Colonel Sanders im Miami Vice-Stil“ oder ein „Colonel Sanders mit Sexappeal“ (Copyright: Sharen Davis) sein.

Die beste „Charakterisierung“ von „Big Daddy’s äußerem Erscheinungsbild“ sowie gleichzeitig von „seinem inneren Kern“ hat aber Don Johnson selbst geliefert, denn während der Dreharbeiten hat er den Plantagen-Besitzer & Mädchen-Händler als „typische[n] Zuhältertyp in der Mitte des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet.

 

 

 

 

Ich habe keinen Respekt vor Spike Lee. Er ist wie ein alter Sack mit einem netten großen Haus und dem Rasen davor. `Runter von meinem Rasen, ihr Mistkerle, das ist mein Rasen, jeder Halm gehört mir!`

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Who’s STEPHEN? Stephen […] looks like a character out of Dickens – if Dickens wrote about House N*****s in the Antebellum South

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Samuel L. Jackson würde niemals N***** sagen, wenn er das Gefühl hätte, er würde damit jemanden erniedrigen. Samuel L. Jackson würde ihnen sagen, wohin sie gehören

 

(Zitat 1: ein paar „freundliche Grüße“ von Jamie Foxx, gerichtet an den „Tarantino- & Django Unchained-Kritiker“ Spike Lee, der, so Foxx’s Vorwurf, eben sozusagen gern das „Monopol“ / die „alleinige Deutungshoheit“ für sich in Anspruch nimmt, wenn es um das Thema „Afroamerikaner & Rassismus in den USA“ geht; Spike Lee hat 2018 mit BlacKkKlansman dann selbst noch einmal einen recht guten „black comedy crime film“ zum Thema „racism & Ku Klux Klan im Amerika der 1970er-Jahre“ abgeliefert; Quelle: „Tarantino – The Bloody Genius“ // Zitat 2: eine aus Tarantino’s Skript entnommene Beschreibung der von Samuel L. Jackson dargestellten Figur des „bösartigen, intriganten & manipulativen Haussklaven-Chefs“ STEPHEN – Tarantino hat das N-Wort also auch in „normalen Skript-Passagen“ verwendet, im Film selbst kommt es in etwa rekordverdächtige 110x vor; Anm.: Der „Charles Dickens-artige“ Character „Stephen“ wurde im Rahmen des Diskurses über den Film in den Vereinigten Staaten sogar als „gelungenes Porträt eines farbigen `Republikaners`“ interpretiert, also eines Afroamerikaners, der politisch für die Republikanische Partei tätig ist; // Zitat 3: Aussage des Austin Chronicle-„co-founder[s]“ & QT-Fans Louis Black, der darin hervorhebt, dass Samuel L. Jackson wohl der Letzte wäre, der sich für einen „rassistischen & Schwarzen-feindlichen Film“ hergeben würde, und der Erste, der „wem auch immer“ die Meinung geigen würde, der so „blöd“ wär, ihm das zu unterstellen; Quelle: „Tarantino – The Bloody Genius“)

 

 

DJANGO UNCHAINED erlebte seine Premiere am 25. Dezember 2012 und lukrierte, wie schon im Kapitel über INGLOURIOUS BASTERDS erwähnt, weltweit um die 425 Millionen US-Dollar an den Kinokassen, und das bei einem Produktionsbudget von rund 100 Millionen US-Dollar. 

Critical acclaim“ sowie zentrale Auszeichnungen der Filmwelt erhielt aber bekanntlich nicht nur Tarantino, dessen Skript eben mit einem Oscar, mit einem Golden Globe sowie mit einem British Academy of Film and Television Arts (BAFTA)-Award for Best Original Screenplay bedacht wurde, sondern natürlich auch Christoph Waltz, der für seine Nebenrolle des „Dr. King Schultz“ ebenfalls mit einem Oscar, dem Golden Globe und dem BAFTA-Award ausgezeichnet wurde (Anmerkung: Insgesamt hatte DJANGO UNCHAINED 2013 fünf Oscar-Nominierungen erhalten – und neben den Kategorien „Bestes Original-Drehbuch“ & „Beste männliche Nebenrolle“ war das Werk auch in den Sparten „Bester Film“, „Bester Tonschnitt“ & „Beste Kamera“ nominiert; während also sowohl die Leistungen der drei ProduzentInnen Stacey Sher, Reginald Hudlin & Pilar Savone sowie die Leistungen von Sounddesigner Wylie Stateman und von Kameramann Robert Richardson berücksichtigt wurden, wurde die Regieleistung von Tarantino in dem Western von der „Academy“ also gleichsam „ignoriert“ - den Regie-Oscar holte sich damals übrigens Ang Lee für Life of Pi).

Neben der „Django Disrespectful“-Kontroverse um „racist language“ sowie der üblichen Diskussion um die „Tarantino’sche Gewaltdarstellung“ (die britische Zeitung The Independent sprach im Django Unchained-Zusammenhang gar von „the new sadism in cinema“) gab es aber zahlreiche US-Film-Kritiker, die voll des Lobes für „Tarantino-Film-Nr. 7“ waren.

So hielt Roger Ebert in der Chicago Sun-Times fest, dass das Werk „eine sensationelle Sequenz nach der anderen“ zu bieten hätte und bedachte den Film mit der vollen Anzahl an „Sternen“, nämlich fünf. Der britische Guardian sprach davon, dass DJANGO UNCHAINED ein Werk sei, in dem Tarantino einfach gnadenlos „abliefere“. Und A. O. Scott von der New York Times sah darin einen „beunruhigenden und wichtigen Film über Rassismus und Sklaverei“, der aber dabei, ähnlich wie die „Basterds“ drei Jahre zuvor, „crazily entertaining“ sei.

Ein treffendes Statement, dem auch ich persönlich so einiges abgewinnen kann, lieferte Samuel L. Jackson ab, der meinte, dass DJANGO UNCHAINED letzten Endes „eine härtere und detailreichere Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Sklaverei darstellt“ als ein Film wie 12 Years a Slave (2013), der von dem britischen Filmemacher & „video artist“ Steve McQueen inszeniert wurde.

Owen Gleiberman von Entertainment Weekly hingegen gab sich bezüglich QT’s Django-Film weniger begeistert und hielt DJANGO UNCHAINED auch für einen „weniger cleveren“ Film als INGLOURIOUS BASTERDS von 2009, wobei von Gleiberman überdies die „2 Stunden & 45 Minuten-Laufzeit“ des Westerns kritisiert wurde, da dieser, so seine Meinung, einfach nicht über genügend „major characters“ verfüge, die so eine „auffällige Überlänge“ rechtfertigen würden.

Überraschend Kritik an DJANGO UNCHAINED übte auch Filmmusik-Ikone Ennio Morricone, aus dessen bereits vorhandenem Repertoire sich Tarantino bei der Zusammenstellung seines Soundtracks bedient hatte, wobei Morricone aber mit der Sängerin Elisa Toffoli auch den eigens für den QT-Film komponierten Track „Ancora Qui“ beigesteuert hatte (Anmerkung: Auf dem Soundtrack sind Morricone-Kompositionen aus Werken wie dem Clint Eastwood & Shirley MacLaine-Western Ein Fressen für die Geier/OT: Two Mules for Sister Sara aus 1970 oder auch aus dem Sergio Corbucci-directed Western Die Grausamen/OT: The Hellbenders von 1967 zu hören).

Morricone, der sich, entgegen der Ankündigung seinerseits, „nie mehr“ mit dem Regisseur arbeiten zu wollen, dann von Tarantino doch hat überreden lassen, für dessen 2015er-Western THE HATEFUL EIGHT beinahe den gesamten Score zu komponieren, war schlicht und einfach mit der Art & Weise unzufrieden gewesen, wie QT seine Musik in DJANGO UNCHAINED letztendlich eingesetzt hatte.

 

 

 

 

EPILOG

 

 

Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin Django und wenn du bei mir bleibst, wird dir kein Mensch was tun

 

(aus: DJANGO von Sergio Corbucci; Aussage von „Django“ Franco Nero und gerichtet an „Maria“ Loredana Nusciak, der Frau mit den „whip marks on her back“, die er gerade vor den zum Teil mit Ku Klux Klan-esken roten Kapuzen vermummten Handlangern seines Gegenspielers „Major Jackson“ gerettet hat)

 

 

Ich reise lieber mit Sarg, fühl mich wohler“ (Copyright: Franco Nero in DJANGO) - Sergio Corbucci soll ja, wie man ja auch eindeutig aus seinen Regie-Arbeiten erschließen kann, einen ausgeprägten Sinn für Humor gehabt haben, vor allem natürlich für „dark humor“, für „Schwarzen Humor“.

So hat er Franco Nero eines Tages während der Django-Dreharbeiten für einen bestimmten Take den berühmten Sarg, den er im Film mitschleppt und in dem sich statt einer Leiche ein Maschinengewehr befindet (eines, das laut DJANGO, was die Feuerkraft betrifft, „genauso viel wert wie 150 Gewehre“ ist), einen Hügel hochziehen lassen.

Allerdings stellte der Schauspieler, oben angekommen, fest, dass die Filmcrew währenddessen das Set abgebaut hatte und nach Hause gegangen war.

 

 

 

(Fassung vom 06.05.2021)