Ausschnitt aus "HITCHCOCK": "DER UNSICHTBARE DRITTE / NORTH BY NORTHWEST" (Teile 2.1 & 2.2)

 

Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion

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„[…] Ich wollte mich gegen die Schablone stellen. Ein Mann kommt an einen Ort, wo er wahrscheinlich umgebracht wird. Wie wird das im Allgemeinen gemacht? Eine finstere Nacht an einer engen Kreuzung in einer Stadt. Das Opfer steht im Lichtkegel einer Laterne. Das Pflaster ist noch feucht vom letzten Regen. Großaufnahme einer schwarzen Katze, die eine Mauer entlangstreicht. Eine Einstellung von einem Fenster, hinter dem schemenhaft das Gesicht eines Mannes auftaucht, der nach draußen blickt. Langsam nähert sich eine schwarze Limousine, und so weiter. Ich habe mich gefragt, was das genaue Gegenteil einer solchen Szene wäre. Eine völlig verlassene Ebene in hellem Sonnenschein, keine Musik, keine schwarze Katze, kein geheimnisvolles Gesicht hinterm Fenster

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Er suchte immer nur den visuellen Eindruck, und so etwas wie eine `zufällige Einstellung` gab es nicht

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Ich habe für Grace Kelly dasselbe getan, die in `12 Uhr mittags´ ja noch wie eine Maus aussah. [Eva Marie Saint] erblühte für mich

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Alfred Hitchcock wird als größter Regisseur aller Zeiten bezeichnet. Er hatte die Gabe, das elementarste Gefühl auszulösen: Furcht

 

(ZITAT 1: Hitchcock zu Truffaut im Zusammenhang mit der wahrlich ikonischen „Crop Duster Plane“-Szene von Der unsichtbare Dritte über seine „Neigung zur Willkür“ - was eine Art Antwort auf die Truffaut-Feststellung war, dass in „Hitch’s“ Werk fast eine „Religion der Willkür“ existiert und dass auch die Flugzeugszene, die vielleicht nach dem Duschmord in Psycho die zweitberühmteste Hitchcock-Film-Szene überhaupt darstellt, im Grunde „bar jeder Wahrscheinlichkeit & `Bedeutung`“ ist; // ZITAT 2: Hitchcock, wiederum im Interview mit François Truffaut in „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, über seinen Ansatz, bei der Cary Grant wird von einem Agrarflugzeug über ein Feld gejagt-Szene die Dinge „völlig anders zu gestalten“ als sie der „filmischen Konvention“ entsprechen; // ZITAT 3: der „North by Northwest“-Art Director Robert Boyle, der schon bei Saboteure und bei Im Schatten des Zweifels Hitchcock’s „optischer Berater“ war, über die „Planungsgenauigkeit“ des Regisseurs, der es vor allem auch liebte, „einen Film auf dem Papier zu schaffen“, soll heißen: Storyboards anzufertigen & Kameraperspektiven zu planen; // ZITAT 4: zum Thema „visueller Eindruck von Schauspielerinnen“: Hitchcock über, wie er’s nannte, das „Erblühen“ von Eva Marie Saint in seinem Film, die er, wie einst Grace Kelly, welche in dem Fred Zinnemann- Western „High Noon“ (1952) aus „Hitch’s“ Sicht als „Quäkerin mit Mütze Amy Fowler Kane“ noch „recht unscheinbar“ daherkam, zu einer „eleganten (Hitchcock-)Blondine“ umfunktioniert hat; allerdings war Hitchcock der Meinung, dass Saint, der er damals den Vorzug gegenüber der von MGM präferierten und 1952 durch „Singin‘ in the Rain“ (OT) bekannt gewordenen Cyd Charisse gegeben hatte, nach Der unsichtbare Dritte bei ihren Filmauftritten, wie z. B. in Otto Preminger’s Exodus (1960), „wieder völlig `aufgelöst` wie eh und je“ ausgesehen hat; // ZITAT 5: Eva Marie Saint über den „Master of Suspense“)

 

 

 

David Webb, das ist Ihr richtiger Name. […] Kommen Sie doch vorbei und wir reden über alles. […] Bourne?

Ruhen Sie sich aus, Pam, Sie sehen müde aus

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Wer ist das?

Keine Ahnung, der hat mich den ganzen Tag verfolgt

Na sowas, Sie haben James Bond umgebracht!

Was? Der war das? Sehen Sie mal an, man lebt also doch zweimal

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Ausweis, Arschloch! Wer bist du?

Ich bin Mickey Mouse. Und du?

 

(ZITAT 1: Ein Agent auf der Suche nach seiner wahren Identität - „Dialog am Telefon“ aus dem Action-Meisterwerk Das Bourne Ultimatum (Regie: Paul Greengrass) von 2007 zwischen dem „Agenten mit Gedächtnisverlust Jason Bourne / David Webb“ Matt Damon & der „CIA-Frau, die sich nicht an der Menschenjagd nach ihm beteiligen will Pamela Landy“ Joan Allen, wobei Matt Damon hier gerade Joan Allen, die sich in einem von der „Agency“ genutzten New Yorker Hochhaus befindet, zu ihrer Überraschung von einem anderen „N. Y. Skyscraper“ aus beobachtet und das Telefonat nach seinem „Sie sehen müde aus“-Sager beendet; // ZITAT 2: Ein Agent, der eine andere Identität annimmt (Teil 1) - Dialog zwischen „James Bond 007 / Peter Franks“ Sean Connery & „Tiffany Case“ Jill St. John in Diamantenfieber (1971; Regie: Guy Hamilton), der stattfindet, nachdem Connery den echten „Peter Franks“ (Joe Robinson) in einem legendären „Kampf in einem Fahrstuhl in Amsterdam“ getötet und ihm seine Geldbörse untergejubelt hat, sodass Jill St. John, nachdem sie die Geldbörse in den Taschen des Toten gefunden hat, jetzt glaubt, der Tote wäre Bond und Connery wäre der Diamantenschmuggler Franks; // ZITAT 3: Ein Agent, der eine andere Identität annimmt (Teil 2) - deutsche Untertitelung des auf Italienisch geführten Dialogs zwischen einem SPECTRE-Security-Mann & „James Bond 007Daniel Craig in Spectre (2015; Regie: Sam Mendes), der stattfindet, als Craig ein Gebäude in Rom betreten will, in dem eine Art „SPECTRE-Jahreshauptversammlung unter der Leitung von Blofeld“ stattfindet; im (italienischen) Original behauptet Craig, er wäre „Topolino“ (wörtlich: „Mäuschen“), was tatsächlich die italienische Bezeichnung für die Mickey Mouse ist)

 

 

 

Ich bin hinter einem gefährlichen Agenten einer gewissen ausländischen Macht her. Er will sich in den Besitz eines Geheimnisses bringen, das für die Verteidigung lebensnotwendig sein kann

 

(Satz, den die außerdem gerade von zwei anderen „Handlanger-agents“ der besagten „ausländischen Macht“ verfolgte „deutsche Agentin, die für Großbritannien arbeitet Annabelle Smith“ Lucie Mannheim zu der Hauptfigur „Richard Hannay“ Robert Donat in Hitchcock’s Meisterwerk des britischen Vorkriegskinos, dem „chase thriller“ Die 39 Stufen / OT: The 39 Steps von 1935, sagt, der genau genommen das eigentliche (Ur-)Vorbild für seinen US-Film Der unsichtbare Dritte darstellt; bei den titelgebenden „39 Steps“ handelt es sich um die Bezeichnung für die besagte Spionageorganisation, die „für eine gewisse ausländische Macht“ Informationen sammelt und eine Formel, auf deren Basis Flugzeugmotoren geräuschlos gemacht werden können, aus Großbritannien rausschmuggeln möchte)

 

 

 

Einige Jahre bevor Hitchcock Robert Cummings in „Saboteur“ durch diverse Landschaften gehetzt hat und viele Jahre, bevor er das mit Cary Grant in Der unsichtbare Dritte getan hat, hat er das Mitte der 30er-Jahre bereits mit Robert Donat in „The 39 Steps“ (literarische Vorlage: John Buchan) durchexerziert, nur das „Richard Hannay“, so wie eben der „main character“ im Film heißt, darin nicht in den USA vor der Polizei und diversen Agenten flüchten muss, sondern in Großbritannien, und dabei vornehmlich in den schottischen Highlands, in denen er es kurz übrigens auch mit einem Helikopter zu tun bekommt, der ihn „mit durch die Gegend jagt“.

„Richard Hannay“, den Oscar-Preisträger Robert Donat darin auf ansprechende Weise verkörpert, ist sogar eine Art Prototyp des „typischen Hitchcock-Helden“ späterer (US-)Jahre, denn er ist „charming“, durchaus sympathisch, aber natürlich auch mutig im entscheidenden Augenblick, also dann, wenn es „drauf ankommt“. „Hannay“ gerät, wie weiter oben bei dem „39 Steps“-Zitat ja bereits angedeutet, in dem S/W-Werk durch eine Deutsche, die sich „Annabelle Smith“ nennt, in eine wüste Spionageaffäre, die es ihm bald unmöglich macht, noch irgendjemandem zu trauen.

Allerdings ist die „story“, wie in „North by Northwest“, Hitchcock dabei nicht so wichtig (Hitchcock: „Wenn ich einen Film mache, ist die Story nicht so wichtig. Wichtig ist nur, wie ich die Story erzähle. In einem Spionagefilm zum Beispiel ist es völlig egal, was der Spion sucht, wichtig ist nur, wie er es sucht“) und Die 39 Stufen ist ein Beispiel dafür, dass „Hitch“ das Thriller- & Spionagefilm-Genre auch ganz gerne dazu nutzte, eine „permanente Verfolgungsjagd“ zu inszenieren, in der der Held sozusagen sowohl von den „Kräften der Ordnung“ als auch von den „Kräften der Anarchie“ gejagt wird.

Gesellschaft bekommt „der Gejagte“ in der Gestalt von Robert Donat dann im Laufe des Films, nachdem der „deutschen Agentin, die sich ihm zu Beginn des Films geradezu in die Arme wirft Annabelle Smith“ kein langes Leben beschert ist, sogar von einer „blonde“ namens „Pamela“ (großartig: Madeleine Carroll), die er zunächst im Zug(!) nach Schottland trifft, die dann aber durch diverse Zufälle letztendlich für einige Zeit mit Handschellen an ihn gekettet ist – ein Umstand, der Hitchcock natürlich, wie könnte es anders sein, dazu animiert hat, sämtliche „Verwicklungen erotischer Natur“, die sich durch diese Zwangssituation des Aneinandergekettet-Seins ergeben, genüsslich „auszukosten“, und so wird „Richard Hannay“ auch „Zeuge“ davon, dass sich „Pamela“ neben ihm ihrer nassen „nylons“ entledigt, um diese in dem Gäste-Zimmer eines schottischen Dorfgasthauses, in das es sie „auf der Flucht“ verschlagen hat, beim Kaminfeuer zum Trocknen aufzuhängen.

Augenfällig ist auch das Spiel mit der Identität in Hitchcock’s „early masterpiece“, denn: so gut wie alle Figuren spielen „Rollen“. „Richard Hannay“ übersteht zahlreiche „potentiell tödliche“ oder „brenzlige“ Situationen nur, indem er sich für jemand anderen ausgibt, so zum Beispiel für einen „Milchmann“, einen „Politiker, der eine Rede schwingt“, oder für einen „Jungverliebten“, der, „handschellenbedingt“, ein besonders enges Verhältnis zu seiner „Auserwählten“ hat.

 

Der unsichtbare Dritte wiederum, der sicherlich auch zu Cary Grant’s „finest moments“ als Filmschauspieler gehört, war ein Reaktion Hitchcocks auf den Vorwurf, er hätte angesichts von „Vertigo“ gänzlich seinen Humor verloren.

Und tatsächlich, in dem also als Form von „Gegenentwurf“ zu dem „schwindelerregenden“, ernsthaften sowie „obsessiven“ Thriller, der „Vertigo“ darstellte, funktionierenden „North by Northwest“ erlebt man „Hitch“ in gewisser Weise „zum allerletzten Mal“ als Meister der „puren“ & perfekten Unterhaltung, der mit „leichter Hand“ ein exakt ausbalanciertes Katz-und-Maus-Spiel abliefert, in dem es im Prinzip um falsche Identitäten & permanente Rollenspiele geht.

Im originalen Trailer zu Der unsichtbare Dritte heißt es „The Master of Suspense weaves his greatest Tale“, und in der Tat wollte Hitchcock mit dem Film alle seine vorherigen Thriller in den Schatten stellen und ein Werk mit „Verstand“, „Niveau“, „Glamour“, „Action“ und „Ortswechsel“ vorlegen.

So wie es bei „Vertigo“ die Szenen auf dem Friedhof waren, bei denen im fertigen Film dann James Stewart die „Carlotta Valdes-besessene“ Kim Novak beobachtet, die Hitchcock als Erstes „imaginierte“, noch lange, bevor begonnen wurde, ein Drehbuch zu schreiben, so war es bei Der unsichtbare Dritte „die Verfolgungsjagd bei den Präsidentenköpfen“, die sich ihm „aufdrängte“ („Ich will eine Verfolgungsjagd über die Gesichter von Mount Rushmore drehen“ – Hitchcock zu Drehbuchautor Ernest Lehman).

Dass der Regisseur gerne „touristische Attraktionen mit hoher Symbolkraft“ zu Mittelpunkten von „Action Scenes“ macht, war nicht unbedingt etwas Neues, denn schließlich hatte Hitchcock bereits in Saboteure die New Yorker Freiheitsstatue zum Schauplatz eines denkwürdigen Showdowns erklärt, bei dem „Barry Kane“ den von Norman Lloyd gespielten „Saboteur Fry“ von der „Statue of Liberty“ befördert, so wie Grant im Film von 59 eben Martin Landau und Adam `Valerian` Williams vom Mount Rushmore. Außerdem, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hat Hitchcock in Über den Dächern von Nizza den, wie es oftmals heißt, „schönsten Blumenmarkt Frankreichs“, nämlich jenen von Nizza, zum Mittelpunkt einer Verfolgungsjagd gemacht, die damit endet, dass „eine altes `Mütterchen` / eine alte Blumenverkäuferin“ wütend mit ein paar „Schnittblumen“ auf Cary Grant einschlägt, der auf dem Markt „eine Spur der Verwüstung“ hinterlassen hat.

Natürlich bildet auch die Szene, in der Cary Grant verhindert, dass Eva Marie Saint abstürzt, einen „Gegenentwurf“ zu „Vertigo“, wo Hitchcock „das Bild eines Mannes, der über einem Abgrund hängt“ quasi als generelle Metapher für die menschliche Existenz und für „einen Absturz ins Bodenlose“ benutzt hatte. Insofern wird die „helping hand, die aber nicht helfen kann“ aus „Vertigo“ in Der unsichtbare Dritte zur „zupackenden Hand, die vor dem Absturz bewahrt“.

 

Wir arbeiten so gut zusammen, machen wir etwas anderes“ (Hitchcock zu Lehman) – nachdem Hitchcock und der Drehbuchautor Ernest Lehman, den Bernard Herrmann mit dem Regisseur bekannt gemacht hatte, ein geplantes Filmprojekt mit dem Titel „The Wreck of the Mary Deare“ (literarische Vorlage: Hammond Innes), in dessen Zentrum ein „Geisterschiff auf dem Ärmelkanal mit einem einzigen Mann an Bord“ gestanden wäre, ad acta gelegt hatten („Wenn man ein Projekt angefangen hat, das nicht klappen will, dann muss man klug genug sein, es einfach und total aufgeben zu können“ - Hitchcock zu Truffaut), widmete sich Lehman ausschließlich dem Verfassen des Skripts zu dem vielversprechenden „Alternativprojekt“ & Verfolgungsthriller Der unsichtbare Dritte.

Die ersten ca. 70 Seiten des Drehbuchs erhielt Hitchcock in Miami, wo er sich aufhielt, um von dort aus mit seiner Frau Alma sowie mit dem MCA-Präsidenten Lew Wasserman (1913 – 2002), den man letzten Endes als „einen der mächtigsten Männer in der Geschichte der Traumfabrik“ bezeichnet muss, und dessen Frau nach Jamaika weiterzureisen, wo ein Urlaub geplant war. Hitchcock gefiel das Material, das Lehman ihm geschickt hatte, was er auch in einem Brief an den Autor, den Lehman später gerne als „unbezahlbar“ bezeichnet hat, zum Ausdruck brachte.

Das Drehbuch, das Lehman (1915 – 2005), der auch die Vorlagen zu weiteren Filmklassikern wie der West Side Story (1961; Regie: Robert Wise & Jerome Robbins) oder Meine Lieder – meine Träume (1965; Regie: Robert Wise) verfasste, genauso wie übrigens auch das Skript zu Hitchcock’s finalem Film Familiengrab / OT: Family Plot (1976), in einem Büro im Irving-Thalberg-Gebäude bei MGM schrieb, trug damals noch den Arbeitstitel „In a Northwesterly Direction“, bevor das Werk auf „Breathless“ umgetauft wurde (also genau auf jenen Titel, den dann Jim McBride’s 1983er-Remake des Godard-Klassikers Außer Atem (1960) trug, in dem sich Richard Gere & Valérie Kaprisky statt Jean-Paul Belmondo & Jean Seberg tummelten).

Als „endgültiger (Original-)Titelgeber“ von Der unsichtbare Dritte gilt jedoch der MGM-Drehbuchberater Kenneth MacKenna, dem dann irgendwann eben „North by Northwest“ eingefallen war.

Das fertige Lehman-Drehbuch setzte Hitchcock schließlich, wie gewohnt, in Storyboards um und er zeichnete jede einzelne Aufnahme, bevor er sie dann mit seinem Kameramann Robert Burks besprach. Wie immer stand also auch bei Der unsichtbare Dritte, der eine große & teure Produktion werden sollte (allein der Kostenvoranschlag betrug seinerzeit 3 Millionen USD), für „Hitch“ schon im Vorhinein fest, wie der Film dann auf der Leinwand aussehen sollte, und dieser Aspekt erleichterte es Hitchcock ungemein, allen am Film Beteiligten, dem Team hinter der Kamera sowie den Schauspielerinnen & Schauspielern, seine „exakten Vorstellungen“ davon mitzuteilen, was von ihnen bei oder in der jeweiligen Szene „erwartet“ wurde oder „gefordert“ war.

Die Dreharbeiten zu „North by Northwest“ begannen Ende August 1958 in New York und endeten im Laufe des Dezembers desselben Jahres in Los Angeles, wo die Innenaufnahmen gedreht wurden – und Hitchcock war, wie bereits öfters erwähnt, durch das Fernsehformat „Alfred Hitchcock Presents“ mittlerweile dermaßen bekannt geworden, dass er überall, wo er hinkam, um „on location“ zu drehen, im Mittelpunkt des Interesses stand, wenngleich sein Verhältnis zu Dreharbeiten stets gespalten geblieben ist, weil er den „Prozess des Filmens“, nach all der „Vorbereitung in seinem Kopf“, oftmals nur mehr als „langweilig“ und „ärgerlich“ empfand.

 

 

 

 

 

Fast jeder Mann, den man damals fragte `Wer wären Sie gerne?`, antwortete `Cary Grant`. Das hörte man mehr als `Präsident der Vereinigten Staaten`

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Wenn ich mit ihm zusammen war, machte mir der Andrang der Menschen Angst. Mich erkannte man zwar, aber es gab nicht diese unglaubliche Anbetung, die sie ihm entgegenbrachten

 

(ZITAT 1: Der Du sollst mein Glücksstern sein / Singin‘ in the Rain-Regisseur Stanley Donen, unter dessen Regie Grant in Indiskret / OT: Indiscreet (1958) mit Ingrid Bergman, in Vor Hausfreunden wird gewarnt / OT: The Grass Is Greener (1960) mit Deborah Kerr & Robert Mitchum und in Charade zu sehen war, über den Idol-Charakter, den Grant „in seiner Zeit“ hatte, der übrigens, wenn wir schon bei dem Thema „US-Präsident / US-Politik“ sind, auch auf Parteitagen der „Republican Party“ als Redner auftrat; // ZITAT 2: Eva Marie Saint über das „Unbehagen“, das sie verspürte, wenn sie Zeugin der „adoration“ wurde, die Cary Grant allerorts entgegengebracht wurde)

 

 

 

Sie sind einfach nicht überzeugend, John. Sie wirken wie ein amerikanischer Held in einem englischen Film

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Was glauben Sie, was ich eben vorhatte? Einen Mord?

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Hitchcock sah in seinem Gesicht mehr als nur Schönheit. Er sah darin etwas Bedrohliches und auch etwas Geheimnisvolles

 

(ZITAT 1: Grace Kelly zu Cary Grant in Über den Dächern von Nizza - im „echten Leben“ wurde aus dem einstmals britischen Varieté-Künstler/Akrobaten Archibald Leach aus Bristol der „Held & `Leading Man`“ Cary Grant in US-Filmen; // ZITAT 2: Cary Grant zu Joan Fontaine in Verdacht, in dem Hitchcock Grant eigentlich am Ende tatsächlich als Mörder präsentieren wollte, was aber ganz und gar gegen das Image des Schauspielers gewesen wäre, der sich auch bewusst war, dass er dem Publikum schuldete, auf der Leinwand stets „Cary Grant“ zu bleiben; // ZITAT 3: Aussage des deutschstämmigen Drehbuchautors Peter Viertel darüber, dass Hitchcock, bei dessen Thriller Saboteure Viertel als Co-Autor des Drehbuchs fungierte, gleichsam auch „The Dark Side of Cary Grant“ wahrnahm und diese für sich nutzte; Viertel war außerdem an den Drehbüchern zu Filmklassikern wie African Queen (1951) von John Huston mit Humphrey Bogart & Katharine Hepburn oder Entscheidung vor Morgengrauen (1951) von Anatole Litvak mit Oskar Werner & Richard Basehart beteiligt; Clint Eastwood hat 1990 Viertel’s von den African Queen-Dreharbeiten inspirierten Roman „White Hunter Black Heart“ (1987) mit sich selbst in der Hauptrolle verfilmt – deutscher Verleihtitel: Weißer Jäger, schwarzes Herz)

 

 

 

He was the star everyone loved. He was also the star few really knew. His name was Cary Grant“ (aus der Doku: „Cary Grant – The Leading Man“) – nun, im Grunde war Der unsichtbare Dritte ein Film, der von Beginn an „für Cary Grant“ geschrieben war.

Als jedoch auch Jimmy Stewart angefragt hatte, ob er nicht „Roger Thornhill“ spielen könnte, war Hitchcock, der „North by Northwest“ ohnehin als ein „better vehicle“ für Grant empfand, erleichtert, dass es dann doch nicht zu der Beteiligung von Stewart gekommen war, da dieser zeitgleich zu den Dreharbeiten zu Der unsichtbare Dritte, die später als ursprünglich geplant stattfanden, mit seiner „Vertigo“-Partnerin Kim Novak für die Komödie Meine Braut ist übersinnlich / OT: Bell, Book and Candle (1958; Regie: Richard Quine) vor der Kamera stehen musste.

Wenn man jetzt Hitchcock’s zwei ganz große „Sympathie-Träger fürs Publikum“, Stewart und Grant, vergleicht, also so eine Art „Stewart vs. Grant“ macht, so war Stewart bei Hitchcock der, wenn man so will, „beschädigte Held“, während Grant eher als der „leichtfüßige“, aber auch ein wenig „skrupellose“ Held daherkam.

So spielte Stewart in Cocktail für eine Leiche einen Professor, dessen Überzeugungen und fragwürdigen „Mord-theoretischen“ Überlegungen von zwei ehemaligen Schülern „überinterpretiert“ wurden, welche er aber am Ende, entsetzt & angewidert von ihrer Tat, mit der sie einen Mord zum „intellektuellen Kunstwerk“ verklären wollten, des Verbrechens überführt.

In Das Fenster zum Hof, Hitchcock’s virtuoser Mischung aus „Ironie, Suspense, Poesie“, wurde Stewart dann zu einem wegen eines Gips-Fußes im Rollstuhl sitzenden Voyeur, der mit seinem Kamera-Objektiv „nach Bildern und Sensationen im Hinterhof“ sucht, damit er sich nicht mit seinem „Grace Kelly-Problem“ herumschlagen muss, und dabei „fündig“ wird, indem er einen Mord beobachtet, dessen „Ausführender“ dann irgendwann bei ihm zur Wohnungstür hereinspaziert.

In Der Mann, der zuviel wusste wiederum, dem 1956 veröffentlichten Remake seines in Großbritannien entstandenen Films „The Man Who Knew Too Much“ (1934), machte Hitchcock Jimmy Stewart zum „Oberhaupt“ einer Familie, deren naiv-fröhliche „US-Touristenperspektive“ in Marokko ein jähes Ende findet, als der kleine Sohn von „Dr. Ben & Jo McKenna“ James Stewart & Doris Day entführt wird, ein Umstand, der die beiden in der Folge zu „Jägern der Entführer ihres Kindes“ macht.

In Vertigo – Aus dem Reich der Toten erlag Stewart letzten Endes, als Akrophobie-geplagter Ex-Polizist, gleichsam einem „erotischen Trugbild“, das ihn zwingt, sich seinen tiefsten Ängsten und Obsessionen zu stellen.

Was Cary Grant anbelangt, der ganz grundsätzlich im Hollywood-Kino als „Mann der `leichten` Komik“ galt, so wurde er unter Hitchcock’s Regie in „Suspicion“ zu einem „sexuell offensiv agierenden Playboy“, der dann eine in gewisser Weise „masochistisch verklemmte“ Frau heiratet, die in der Folge in sein durchaus „gewissenloses“ Verhalten permanent „Mordabsichten“ hineininterpretiert.

In Berüchtigt, bei dem sich Hitchcock bei der Transformation von „emotions“ in Bildern in wahrer „Höchstform“ zeigt, zeichnet sich Grant als Geheimagent zunächst vor allem durch sein „fehlendes Gefühl“ aus, eine Eigenschaft, unter dem die durch sein Handeln in weiterer Folge fast zerstörte Ingrid Bergman leidet - die aber andererseits Mittelpunkt eines Films ist, der wie eine Liebeserklärung Hitchcocks an diese Schauspielerin wirkt, die sicherlich die ideale „Hitchcock-Woman“ der 40er-Jahre war.

In „To Catch a Thief“, den François Truffaut einmal sinngemäß, nicht ganz zu Unrecht, als einen „seltsamen Film, der Hitchcock’s Werk zugleich erneuert und fortsetzt“ bezeichnet hat, wird Grant als ehemaliger Juwelen-Dieb von der Vergangenheit eingeholt, da er aufgrund der „Nachahmungstäterin“ Brigitte Auber abermals „under suspicion“ gerät.

Eine überzeugende Theorie in Hinblick auf das Thema „Was für Funktionen hatten Stewart & Grant für Hitchcock?“ lieferte Donald Spoto in seiner Hitchcock-Biographie, denn für Spoto stand Jimmy Stewart für vieles, von dem Hitchcock dachte, er sei es selbst (eine Art „Voyeur“, ein „verstörter Romantiker“…), während Cary Grant, der in Der unsichtbare Dritte quasi einen Angestellten verkörpert, der am Abend ins Theater gehen will, dann aber in eine gefährliche Irrfahrt durch halb Amerika gerät, die damit endet, dass er eine attraktive Blondine aus den Fängen von Spionen befreit und anschließend „ins Bett zieht“, für all das stand, was Hitchcock gerne gewesen wäre (Anmerkung: Fest steht jedenfalls: Der durch Hitchcock in den 50s „Image-veränderte“ James Stewart ist dem „Privatmann“ Hitchcock, dessen „eigenem Ich“, speziell natürlich in „Rear Window“ & „Vertigo“, sicherlich am nähersten gekommen, aber das nur bis Sean Connery als „Mark Rutland“ in Marnie auftauchte!).

Aber wie auch immer, Der unsichtbare Dritte, dessen Produktions-Budget „Hitch“ um gut eine Million US-Dollar überzogen hatte, wurde „mit Cary Grant in der Hauptrolle“, der eine Gage von 450.000$ erhalten hatte sowie einen „10%tigen Anteil am Bruttogewinn aller Einnahmen über 8 Millionen USD“, zu einem internationalen Kassenhit, der seinerzeit rund 9,8 Millionen US-Dollar einspielte und 1960 für insgesamt 3 Oscars („Bestes Drehbuch“ – Ernest Lehman / „Bestes Szenenbild (Farbe)“ – Robert Boyle & Co / „Bester Schnitt“ – George Tomasini) nominiert war, bei der Verleihung im großen Ben Hur-Jahr aber dann leer ausging.

Der „Kassenhit-Status“ von „North by Northwest“ erfreute Hitchcock, weil dieser sozusagen die positive Seite seines „Credos im Zusammenhang mit Erfolg oder Misserfolg als Filmemacher“ wahrwerden ließ, das Hitchcock auch „by the time of `Family Plot`“, also zu der Zeit von Familiengrab, mit fast 76 Jahren noch einem Journalisten mitgeteilt hat, der wissen wollte, „wie man sich morgens fühlt, wenn man Ende 70 und Alfred Hitchcock ist“: „Geht der Film, fühlt man sich gut, geht er nicht, fühlt man sich elend“.

 

 

 

(ENDE der TEILE 2.1 & 2.2; Fassungen vom 16.05.2022 & vom 18.05.2022)