NO PULP IN THE FICTION: "2"                                          Schluss-Kapitel "ONCE UPON A TIME...IN HOLLYWOOD" (TEIL 2)

 

What’s the story? […] What’s the idea of the story?

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Es ist seine Erinnerung. Wie sein `Roma`, wo wir Quentin’s Jugend erforschen

&

Es geht um alles, was mein Leben berührt hat, woran ich Teil hatte, mein ganzes Leben lang. […] Ein wunderschöner Liebesbrief an eine Zeit, die ich sehr gut kenne

 

(Zitat 1: aus ONCE UPON A TIME…IN HOLLYWOOD und Frage von „TRUDI FRASERJulia Butters an „RICK DALTONLeonardo DiCaprio (mit der eigentlich die Story des Western-Romans rund um den alternden Bronco-Reiter „Easy Breezy“ gemeint ist); // Zitat 2: Aussage von Once Upon a Timein Hollywood-Produzentin Shannon McIntosh mit Bezug auf den „eigentlichen Kern“ des Tarantino-Films; Fellinis Roma: Werk von Federico Fellini aus dem Jahr 1972, das den Weg eines jungen Mannes (Fellini) nach Rom und gleichsam dessen „Erfahrungen in der großen Stadt“ schildert – das „Stadtporträt“, das so einige Fellini-eske Kabinettstückchen liefert, ist quasi eine Art „weniger einheitliche & weniger geschlossene“ Vorstudie zu Fellini’s „offiziellen Kindheits- & Jugend-Erinnerungen an Rimini“ Amarcord aus dem Jahr 1973; // Zitat 3: Statement von Kurt Russell, der 1969 bereits 18 Jahre alt und in der „Traumfabrik“ tätig war und somit als „verlässlicher Zeitzeuge“ gelten kann; Quelle: Doku „Quentin Tarantino’s Love Letter to Hollywood“)

 

 

 

Genau wie die ganze Welt Amerika hasst, hasst ganz Amerika Hollywood

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In Hollywood kann man alles machen. Das ist ein fantastischer Ort. Die Atmosphäre ist hier so wie nirgendwo anders. Ich kenne mich mit der Geschichte der Stadt nicht gut aus, aber ich glaube, es war das Licht, das auf die Regisseure solche Anziehungskraft ausübte

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Ich habe das Glück, mich an diese Stadt erinnern zu können, wie es war, mit sechs, sieben, im riesigen Hollywood aufzuwachsen, in dieser Kultstadt, und es dann nachzustellen und es zu dem zu machen, was es war. Das war echt aufregend, das war cool

 

(Zitat 1: Aussage von Regisseur Billy Wilder, getätigt 1975, der in der Folge „Neid“ als den Grund für diesen „Hass auf Hollywood“ nennt – Quelle: Buch „Billy Wilder – Eine Nahaufnahme von Hellmuth Karasek“ aus 1992; // Zitat 2: David Lynch über „Hollywood“ – aus „Von `Abstrakt` bis `Zucker`: Ein Lynch-Porträt in Selbstaussagen“; // Zitat 3: Statement von Quentin Tarantino zu seinem „Once Upon a Timein Hollywood“-Projekt – Quelle: Doku „Quentin Tarantino’s Love Letter to Hollywood“)

 

 

 

It was a period when I didn’t want to return to Los Angeles. It was a few years after Sharon Tate’s death

 

(Aussage von Roman Polanski in der Interview-Session „`Chinatown` Revisited with Roman Polanski, Robert Evans and Robert Towne“ aus dem Jahr 1999 – Evans war der Produzent des Films, der von Tarantino geschätzte Towne der Drehbuchautor; Chinatown, Polanski’s berühmter Detektivfilm von 1974 mit Jack Nicholson, Faye Dunaway & John Huston, der im Übrigen auch David Lynch’s weiter oben zitierte „Los Angeles-Licht-Theorie“ formvollendet (Kamera: John A. Alonzo) umzusetzen scheint, war das Werk, das Polanski nach der Ermordung von Sharon Tate seinerzeit „back to the USA“ brachte, aus denen er dann 1978 bekanntlich wegen eines „sexual abuse case“ wieder nach Europa flüchtete – der „unlawful sexual intercourse“ mit einer Minderjährigen, nämlich mit der damals 13-jährigen Samantha Geimer, fand im März 1977 im Haus von Jack Nicholson in der Mulholland-Area von Los Angeles statt, wobei Nicholson gerade auf einem „ski trip“ in Colorado war; Roman Polanski (Jahrgang 1933) mag, und das zurecht, eine reichlich umstrittene Persönlichkeit sein, aber er gehört zweifellos auch zu den großen Regisseuren der Filmgeschichte; Polanski’s Filme, die in der Regel kein wirkliches „Happy End“ kennen, sind zumeist vieldeutige Parabeln mit grotesken & makabren Elementen, wobei die scheinbare Skurrilität gleichsam die Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz entlarvt, sei es im „Samuel Beckett-artigen“ Warten auf „Katelbach“ in Wenn Katelbach kommt... (1966; Cul-de-sac) oder im Kampf gegen Karpaten-Vampire in Tanz der Vampire, wo am Ende ausgerechnet der Professor, also: ein Mann der Wissenschaft, den Plan des „Vampir-Grafen Krolock“ erfüllt und das Böse hinaus in die Welt trägt)

 

 

 

Spielt es nicht realistisch, es sei denn, es wird realistisch“ (`Regieanweisung` des Filmregisseurs „BOB ROOKER“ in David Lynch’s Mulholland Drive unmittelbar vor einem Vorsprechen, an dem die junge Schauspielerin „BETTY ELMS“ Naomi Watts teilnimmt) – Nun, Los Angeles ist auch Heimat der „Traumfabrik“ Hollywood und wenn ich persönlich an Filme denke, die „Los Angeles & Hollywood“ sozusagen als „Hauptfigur“ im Zentrum haben, dann denke ich nicht nur an Tarantino’s ONCE UPON A TIME…IN HOLLYWOOD, der mittlerweile gefährlich nahe an mein „Tarantino-Film-Podium“, bestehend aus PULP FICTION, JACKIE BROWN und RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE, herangekommen ist, sondern vor allem auch an David Lynch’s Mulholland Drive von 2001, in dem „Hollywood“ als Ort erscheint, an dem jeder träumt, jemand anderes zu sein, und der dafür sorgt, dass einige Träume Realität, andere jedoch „zertrümmert“ werden. Bei David Lynch ist Los Angeles, und das bildet in einem Film, bei dem man, wenn man den Inhalt wiedergeben wollte, ständig nur Worte wie „perhaps, maybe & possibly“ verwenden könnte, sozusagen den „unerschütterlichen Kern“, eine Stadt „full of ghosts“ und voll von „Geister-Häusern“ und „Geister-Apartments“, in denen Leute gewohnt haben, die entweder versucht haben, berühmt zu werden, tatsächlich berühmt geworden sind oder, so wie die einstige Stummfilm-Diva „NORMA DESMOND“ (gespielt von Gloria Swanson) in Billy Wilder’s düster-pessimistischem Meisterwerk Sunset Boulevard (1950; dt. Verleih-Titel: Boulevard der Dämmerung; mit William Holden & Erich von Stroheim), dem „Hollywood-Film der Hollywood-Filme“ (Copyright: Hellmuth Karasek), auf tragische Weise in Vergessenheit geraten sind.

Tarantino schwebte bei der Entwicklung seines Once Upon a Timein Hollywood-Stoffs, die mehrere Jahre gedauert hat (QT: „Als ich mit dem Drehbuch fertig war, wollte ich nicht sofort anfangen, sondern es etwas setzen lassen. Dann überlegen, wie wir es machen“), grundsätzlich ein „fairy tale“ angesiedelt im Hollywood der 1960s vor, wobei natürlich „the year1969“ einen besonderen Symbolwert besitzt („1969 war ein entscheidendes Jahr, das spürt man im Film. Man ist bewegt, von allem, was passiert“ – Georgia Kacandes, die Executive Producerin des Films), weil es für einen „endgültigen Übergang“ steht, und zwar vom eher „klassischen Hollywood-Kino“ hin zum „New Hollywood“ – und nicht umsonst bezeichnet oder beschimpft „RICK  DALTON“ Leonardo DiCaprio den von Charles Manson entsendeten Kommunen-Typen „TEX“ einmal als „Dennis Hopper“, denn Dennis Hopper hat mit seiner Regie-Arbeit Easy Rider (1969; mit Peter Fonda & Jack Nicholson) genau jenen Zeitgeist & jenes Lebensgefühl von damals eingefangen, unter dem Dalton & Booth allmählich „leiden“ (Luke Perry über das Hollywood der ausgehenden 60er-Jahre, kurz vor dem Ende der „Golden Age“ also: „Es herrschte noch diese Unschuld. Das letzte Aufblitzen dessen, worum es damals in Hollywood ging. Leute, die Western drehen, die versuchen, aus dem Fernsehen ins Kino zu kommen“).

Bei der Once Upon a Timein Hollywood-Geschichte, in deren Zentrum ja eine enge Schauspieler-/Stuntdouble-Beziehung steht, waren von vornherein auch andere Literatur-Gattungen als jene des Drehbuchs im Spiel, denn einige Teile hat Tarantino gleich in Form einer „novel“ verfasst und die „SCHWARZ-DALTON-Unterhaltung“, die dann auch ins Drehbuch Eingang gefunden hat und bei der im Film dann gleich zwei Hauptrollen-Oscar-Preisträger, nämlich Leonardo DiCaprio & Al Pacino (erhielt den besagten Oscar 1993 für das Drama Der Duft der Frauen), aufeinandertreffen, wurde von Tarantino ursprünglich sogar als Theaterstück geschrieben, genauer: als „one-act-play“.

Der erste „Plot-Point“, der entwickelt wurde und der feststand, war das Ende des Films – und Tarantino hat das Skript also quasi „vom Ende rückwärts“ entwickelt, eine Vorgangsweise, die er, laut Eigenaussage, das erste Mal in der Weise durchexerziert hat.

Zunächst schwebte QT eigentlich eine komplexere, „Elmore Leonard-artige“ Story vor, die dem „ending“ vorausgehen sollte, aber letztendlich entschied er sich dafür, einen „character-driven film“ zu schreiben & zu inszenieren, der „ein paar Tage im Leben von DALTON, BOOTH & SHARON TATE“ zum Inhalt hat (QT-Statements darüber, wie er mit dem fertigen Drehbuch „verfahren“ ist: „Ich wollte, dass alle, die sich an damals erinnern konnten, das Drehbuch lesen und sagen, wie richtig ich liege. Was mich betrifft, waren die drei Großen Bruce [Dern], Burt [Reynolds] und Kurt Russell. Die hatten damals alle Serien“ // „Bei ein paar Leuten freute ich mich besonders darauf, dass sie es lesen, weil ich wusste, dass sie im Team sind. Bob [Richardson] war einer davon. Es war aufregend, als Bob wirklich zu mir kam, sich hinsetzte und es las“; // Kameramann Robert Richardson über das Lesen des Once Upon a Timein Hollywood-Skripts: „Er ließ mich am Esstisch Platz nehmen und er war im Wohnzimmer. Er sah mir zu, wie ich das gesamte Drehbuch las. Ich machte mir Notizen, weil ich so viele Einfälle hatteMusik, Einflüsse. Ich hatte sofort ein Gefühl für den Rhythmus des Films“; Quellen: Dokus „Quentin Tarantino’s Love Letter to Hollywood“ & „Bob Richardson – For the Love of Film“; Anm.: Nach den Problemen mit dem Hateful Eight-Drehbuch, das, wie im Kapitel zuvor berichtet, vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt war, ging Tarantino diesmal auf Nummer sicher und bewahrte „the only copy“ des Skripts, die auch den „3. Akt“ beinhaltete, also: das Ende, in das außer Pitt & DiCaprio nur ganz wenige Leute eingeweiht waren, in einem Safe auf).

Jemals frittiertes Sauerkraut bestellt?!! Brennt, ihr Nazi-Bastarde, hahaha!!“ (RICK DALTON in dem Inglourious Basterds-artigen WWII-Movie „Die 14 Fäuste des McCluskey“ und gerade seinen Flammenwerfer benutzend) – Um zusätzlich „action“ in sein „Hollywood-Märchen“ zu bekommen, hat Tarantino in ONCE UPON A TIME…IN HOLLYWOOD Sequenzen aus „Rick Dalton-Filmen“ eingebaut. Das Kernstück bilden dabei, natürlich, die „Rick Dalton-starred-JAKE CAHILL-Bounty Law“-Folgen, von denen der „Writer & Director“ grundsätzlich 5 Episoden konzipiert hat, die allesamt 30-Minuten-Episoden „of 50s Western Shows“ zum Vorbild hatten (und insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Tarantino nun tatsächlich an einer Fernsehserie mit dem Titel „Bounty Law“ arbeitet, die also noch vor seinem angekündigten „10. & letzten Film“ erscheinen wird).

Für Robert Richardson bedeuteten diese „Rick Dalton-Filme“ sowie auch noch ein paar andere „dokumentarisch wirkende Aufnahmen“ (z. B. von „ABIGAIL FOLGER“ & „WOJCIECH FRYKOWSKI“ an einem Swimmingpool), dass er mehrere Formate verwenden musste (Produzentin Shannon McIntosh über die erneute Zusammenarbeit von Richardson & Tarantino: „Manchmal dreht Bob die Filme digital, aber er liebt es, mit Quentin zu arbeiten, weil er da analog arbeiten kann. […] Der Großteil dieses Films wurde in 35mm aufgenommen und ein paar Szenen mit 16mm. Es ist schön, dass Bob seine Filmliebe ausleben kann, wenn er mit Quentin dreht“; // Robert Richardson über die Wahl der Formate: „Beim ersten Treffen war er [Tarantino] nicht sicher, ob er den Film in 70 oder 35mm drehen will. Dann dachte ich: `Vielleicht mache ich nur die Lancer-Szenen in 70`. Und dann: ´Nein, ich will zoomen können`. Und bei 70, oder sogar 65, kann ich nicht zoomen. Das hat es dann endgültig entschieden. Wir drehten auch mit Super 8 und mit 16mm-Schwarzweiß; Anm.: Super 8 bekommt man beim zwischendurch präsentierten „home movie footage on the set of Corbucci’s `Nebraska Jim`“ zu sehen und das 16mm-Format bei den S/W-„Bounty Law“-Folgen) und auch das Licht dementsprechend anpassen (Producer David Heyman über einige der Herausforderungen, die Richardson am Once Upon a Timein Hollywood-Set bewältigen musste: „Jedes Bild ist so detailreich. Es fühlt sich wie die Zeit [damals] an...der Film, die Struktur, das Licht. Wenn wir einen Western machen, sieht er auch so aus. Bob musste sich mit dem bestimmten Format und dem flachen Licht vertraut machen. Nicht die beste Art, das Beleuchtungsgenie raushängen zu lassen“; Quelle: Doku „Bob Richardson – For the Love of Film“).

Wie bereits in dem QT-Zitat weiter oben ausgeführt: Tarantino’s Version von Los Angeles ist sehr persönlich – und zu dieser „persönlichen Version“ von L.A. gehört im 2019er-Film zweifellos auch das Medium Radio („Sharon Tate“-Darstellerin Margot Robbie über den „Radio-Aspekt“ des Werks: „Er erinnert sich an die Radio-Moderatoren, an die Radiosender, die er hörte, die Lieder“), denn: das Radio ist vor allem in Rick Dalton’s & Cliff Booth‘s Cadillac allgegenwärtig und agiert quasi als „Botschafter & Sprachrohr der damaligen Zeit“ (QT - in der Doku „Quentin Tarantino’s Love Letter to Hollywood“: „Ich begann mich zu erinnern, welche Rolle Radio damals in L.A. spielte. […] Wir waren eine Radio-Stadt und eine Schauspiel-Stadt und eine Musikindustrie-Stadt. Und `Boss Sounds`, wie `KHJ Boss Radio` genannt wurde, prägte eine Ära. Und das begann etwa 1963 und 64 für KHJ. Und es hielt noch einen Großteil der 70er-Jahre an. Als mir das einfiel, begann ich intensiv darüber nachzudenken, dass das eine Konstante war und über die Idee, das zu spielen. KHJ Radio selbst wardie Moderatoren und die Werbespots waren quasi Sprecher der Zeit“; Anm.: KHJ ist eine sogenannte „kommerzielle Radio-Station“ und war das erste Mal „on air“ im Jahr 1922, also vor mittlerweile 99 Jahren(!); eines der Hauptmerkmale der von Tarantino angesprochenen „KHJ Boss Radio“-Ära von Mitte der 60er bis in die 70er hinein waren diverse „Jingles“, die auch im Film immer wieder zu hören sind).

 

 

 

(ENDE von TEIL 2; Fassung vom 04.08.2021)