NO PULP IN THE FICTION: "2"                                          Kapitel "DJANGO UNCHAINED" (TEIL 2)

 

Ich glaube, dass Filme Kraft haben sollten. Die Kraft des Guten und die Kraft des Bösen. So, dass man berührt wird und die Verhältnisse in Bewegung geraten. Wenn man Angst hat, das zu riskieren, endet alles in einer lauwarmen Soße

&

Es stimmt ja nicht, dass mein Publikum mich verlassen hat. Ich habe mein Publikum verlassen

 

(Zitat 1: Aussage von David Lynch zum Thema „Filme“ – entnommen aus „Von `Abstrakt` bis `Zucker`: Ein Lynch-Porträt in Selbstaussagen“, einem Abschnitt aus dem Buch „David Lynch – Die dunkle Seite der Seele“ (Autor: Robert Fischer) von 1992; // Zitat 2: Aussage von Woody Allen aus dem Jahr 1992, getätigt im Rahmen eines Interviews in der Süddeutschen Zeitung und nach dem Misserfolg seines ambitionierten Schwarzweiß-Films & „Antonioni, Fellini, Bergman-Widerspiegelungskabinetts“ Schatten und Nebel/OT: Shadows and Fog (1991), ein Werk, das mit zum Konkurs der Produktionsgesellschaft Orion beigetragen hatte; nun, auch QUENTIN TARANTINO’s Filme tragen sicherlich diese von Lynch angesprochene „Kraft des Guten und des Bösen“ in sich und enden daher keinesfalls in einer „lauwarmen Soße“ - und in DJANGO UNCHAINED hat Tarantino sein Publikum ganz bestimmt nicht „verlassen“, denn der große Erfolg des Films ist in der Tatsache begründet, dass der Regisseur, wie schon in INGLOURIOUS BASTERDS, darin genau das „abgeliefert“ hat, was sein Publikum offenbar von ihm verlangt)

 

 

 

Wir machen in dem Film ganz schön wilde Sachen. Dieser Film bietet aufregende Action. Aber wir ließen uns Zeit und legten viel Wert auf Sicherheit. Man kann mit Pferden die unglaublichsten Dinge anstellen, man muss sich nur Zeit dafür nehmen. Es dauert Monate, sie dafür zu dressieren, damit sie sich nicht verletzen. Ich freue mich über die Tierschutzauszeichnung, darum sieht man sie im Abspann auch so früh. Um die Zuschauer zu beruhigen: `Das war alles nur gespielt. Es ist nichts passiert. Das war alles nur ein großes Abenteuer und niemand wurde verletzt`

 

(QT in der Doku „Reimagining the Spaghetti Western: The Horses & Stunts of Django Unchained“ darüber, dass also weder „Fritz“ noch „Tony“ während der Dreharbeiten etwas passiert ist - und natürlich auch nicht der Hündin „Marsha“, die in der fiesen Rolle der „Chef-Hündin“ von „Stonesipher’s dogs“ agieren musste; wenn Tarantino von „Tierschutzauszeichnung“ spricht, dann meint er die Tatsache, dass die „American Humane Association“ die „Animal Action“ in DJANGO UNCHAINED überwacht hat und folgende Zertifikate ausgestellt hat: „NO ANIMALS WERE HARMED“ & „NO HORSES WERE HARMED IN THE MAKING OF THIS MOVIE“)

 

 

 

Es gibt keine Unwahrheiten in seinen Figuren, wie sie denken, fühlen oder sprechen

&

Die Figuren sind seine Figuren. Deshalb lieben die Leute sie. Sie sind echt, ob man sie mag oder nicht

 

(Aussagen von Eli Roth (-Zitat 1-) und von Samuel L. Jackson (-Zitat 2-) über den „hohen Realismus-Grad“, den das Tarantino-Personal aufweist; Quelle: in beiden Fällen die Doku „Tarantino – The Bloody Genius“)

 

 

 

Für eine Handvoll Dollar, für eine schmutzige Handvoll Dollar, die nicht einmal dir gehört. […] Wenn du wenigstens etwas für ein paar Dollar mehr tätest. […] Aber nein, du stolperst hinter den Guten, den Bösen und den Hässlichen her. […] Mein Name ist doch Nobody. […] Du kommst mir vor wie Mercenario, der Gefürchtete. […] Da spiel mir doch lieber einer das Lied vom Tod. Seht ihn euch an, Kinder, er ist Ringo, er ist Django, ist er nicht zum Kotzen euer Papi!?

 

(eine Art „Crashkurs in Italo-Western-Klassikern“, entnommen aus Sergio Corbucci’s amüsanter Western-Klamotte Stetson - Drei Halunken erster Klasse aus dem Jahr 1975 mit Giuliano Gemma, Tomas Milian & Eli Wallach – und Letztgenannter, Eli Wallach, der darin einen Sheriff namens „Edward `Black Jack` Gideon“ spielt, ist es auch, der diese „Standpauke“ von seiner Ehefrau ganz zu Beginn des Films erhält, wobei die besagte „Standpauke“ natürlich der „Kreativität“ / dem „Einfallsreichtum“ der 70er-Jahre-typischen deutschen (Comedy-)Synchro geschuldet ist; im Grunde werden dabei beinahe alle zentralen Werke des Italo-Westerns genannt, die fast allesamt von dessen zwei Begründern & gleichzeitig bedeutendsten Vertretern , nämlich Sergio Leone (1929-1989) & Sergio Corbucci (1927-1990), stammen; erwähnt werden also Leone‘s „Dollar-Trilogie“ mit Clint Eastwood, bestehend aus Eine Handvoll Dollar (1964), Für ein paar Dollar mehr (1965) & Zwei glorreiche Halunken (1966), wobei der 66er-Film im Original eben „The Good, the Bad, and the Ugly“ hieß (internationaler Titel), sowie Leone’s Opus Magnum Spiel mir das Lied vom Tod aus 1968 mit Charles Bronson, Henry Fonda & natürlich Claudia Cardinale, ein Western, mit dem sich bekanntlich auch der legendäre Filmkomponist Ennio Morricone (1928-2020) ein Denkmal gesetzt hat; bei der Komödie Mein Name ist Nobody (1973), mit Terence Hill & Henry Fonda und inszeniert von Tonino Valerii, war Leone Mitautor des Drehbuchs; von Corbucci, der stets irgendwie als „zweitbester Regisseur des Italo-/Spaghetti-Westerns“ hinter Sergio Leone galt, werden die Werke Mercenario – Der Gefürchtete mit Franco Nero & Jack Palance von 1968 sowie eben Django von 1966 genannt; Quentin Tarantino hat in einem Interview im US-TV in den 90er-Jahren und während der Pulp Fiction-Zeit einmal das auf den Punkt gebracht, was Sergio Leone’s Werk vielleicht am stärksten von jenem Corbuccis unterscheidet, nämlich der Umstand, dass Leone’s Filme in jeder einzelnen Einstellung, wie Tarantino eben gemeint hat, „so directed“ sind, soll heißen: in jeder einzelnen Einstellung, in jeder extremen Großaufnahme („Sergio Leone-Close-Up“), ist der Regisseur Leone, ist seine Handschrift, gleichsam „spürbar“, was seine epischen Filme, speziell eben Spiel mir das Lied vom Tod oder Es war einmal in Amerika (1984), zwar großartig macht, dafür aber nicht immer so ganz „einfach“ zu konsumieren)

 

 

 

DER MYTHOS DJANGO“ – Sergio Corbucci’s Western Django gilt seit seinem Erscheinen 1966 gleichsam als „Verneinung“ all dessen, was den klassischen „Wilden Westen“ des US-Kinos für Zuschauer so attraktiv gemacht hat, nämlich die Illusion, dass dieser „Wilde Westen“ nicht nur voller Abenteuer & Abenteurer war, sondern auch als Synonym für die „Hoffnung auf ein besseres Leben“ stand, in welchem solche Begriffe wie „honor“ oder „justice“ einen Stellenwert haben.

Nun, in Corbucci’s „evil & horrible wild west“, in dem durchaus auch sozial- & gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden, geht es nicht mehr um irgendeine Eroberung einer „new world“ oder gar um den Kampf gegen Indianer. Vielmehr gibt es in Corbucci’s Welt weit und breit keine „strahlenden Helden“, die sich ernsthaft hervortun können, allerhöchstens „Anti-Helden“ wie eben „Django“ sowie von „Ur-Instinkten“ wie „greed“, „hate“ oder „violence“ getriebene „residents“, also „Bewohner von irgendwas“.

Der Django-Erfolg von damals löste in den Folgejahren eine wahre Flut an „Django-Filmen“ aus. Über 30 Filme lassen sich, lose, der „Django-Reihe“ zuordnen, wobei es sich bei den meisten Werken um billige „Nachahmer & Plagiate“ handelt, in denen sich die verschiedensten Schauspieler, so zum Beispiel auch Terence Hill (1967: Gott vergibt...Django nie! – zusammen mit Bud Spencer / 1968: Django und die Bande der Gehenkten), in der Rolle des zynischen „gunslinger[s]“ versuchten, die aber in erster Linie stets mit Franco Nero assoziiert bleiben wird, der 1966 lediglich 25 Jahre alt war und dem man die Falten im Gesicht tatsächlich erst „an-schminken“ musste.

Als einzig wirkliche „offizielle Django-Fortsetzung“ muss Django’s Rückkehr (Django 2: il grande ritorno; Regie: Ted Archer – ein Synonym für Nello Rossati) aus dem Jahr 1987 gelten, da hier Franco Nero nochmals in seiner „Parade-Rolle“ zu sehen ist, aber das in einem Film, der leider nicht mehr ist als eine triviale & typische „80er-Jahre-Schießorgie mit Italo-Western-Anleihen“.

Übrigens kam der erste Teil von 1966 zunächst ohne wirkliches Drehbuch aus - und demgemäß wurde die Story nach und nach und so richtig erst während der Dreharbeiten entwickelt und um Aspekte „bereichert“.

 

Ich las das Drehbuch und ich fand es toll. Ich konnte es nicht weglegen. Es war eine Kombination aus alten Italo-Western, die ich mochte, plus dem ernsten Thema der Sklaverei, einem Tabuthema, mit dem man nur schwer klarkommt. Aber er ging es wie üblich an: ernsthaft und leicht“ (Copyright: J. Michael Riva, der Production Designer von Django Unchained) – Im Gegensatz zu dem von ihm verehrten Sergio Corbucci hatte Tarantino bekanntlich sehr wohl ein Drehbuch als Grundlage für seinen „Django-Film“ DJANGO UNCHAINED.

Im Rahmen eines Buches „full of film essays and director analyses“ (an dem Tarantino einige Jahre lang immer wieder gearbeitet hatte, das aber offenbar „unfinished“ geblieben ist und in welchem auch Corbucci‘s „evil & horrible Wilder Westen“ mit all seinen „surrealen & faschistoiden Aspekten“ einen beträchtlichen Teil eingenommen hätte) wurde ab 2007 QT‘s Plan immer konkreter, selbst eine Art von „Spaghetti Western“ zu drehen, der in der „pre-Civil War“-Periode spielen sollte und noch dazu quasi „in the antebellum south“ der USA, wo „Sklaverei & Plantagen“ eine zentrale Rolle einnahmen.

Die finale Fassung des später Oscar-prämierten Skripts, in dem dann tatsächlich „America’s horrible past with slavery“, aber eben „in the way of a Spaghetti Western“ & verbunden mit dem Tarantino-üblichen „Revenge-Plot“, abgehandelt wurde, stammt vom 26. April 2011.

Als „Hauptinspirations-Quellen“ dienten Tarantino natürlich nicht nur das „1966er-Django-Original“ (aus dem er sich ja auch den Titelsong „Django“ von Rocky Roberts & Luis Bacalov „geborgt“ hat, der während der Sequenzen zu hören ist, die von den „opening credits“ begleitet werden) und eben, wie bereits angesprochen, Richard Fleischer’s Film Mandingo aus 1975, sondern auch noch ein weiterer ganz großer Corbucci-Italo-Western, der auch zu meinen persönlichen Favoriten innerhalb des Genres zählt, nämlich Leichen pflastern seinen Weg (OT: Il grande silenzio / internationaler Titel: The Great Silence) von 1968, in dem sich im tiefwinterlichen Utah des Jahres 1898 der stumme Revolverheld „Silenzio/Silence“ Jean-Louis Trintignant ein brutales Duell mit dem skrupellosen Kopfgeldjäger „Loco“ Klaus Kinski liefert, das noch dazu in einem -völlig untypischen- „Un-Happy-End“ endet, denn Trintignant und nicht Kinski ist derjenige, der am Ende sein Leben verliert.

Die „Snow-Scenes“ in DJANGO UNCHAINED, also jener Abschnitt des Films, bei dem man „den Zahnarzt & Kopfgeldjäger mit der BLACK LIVES MATTER-Einstellung“ Dr. SCHULTZ & den „Kopfgeldjäger-Auszubildenden“ DJANGO in den schneebedeckten Bergen sieht, waren als Hommage an Leichen pflastern seinen Weg gedacht.

Der Titel „Django Unchained“ wiederum gilt, einerseits, als inspiriert von dem „mythologischen Abenteuerfilm“ Hercules Unchained (1959; dt. Verleihtitel: Herkules und die Königin der Amazonen; Regie: Pietro Francisci) mit Steve Reeves, in dem der mythische Held Herkules aus der Gefangenschaft/Sklaverei flüchtet, sowie, andererseits, von dem Biker-Film & „Easy Rider-Nachahmungstäter“ Angel Unchained (dt. Verleihtitel: Engel ohne Ketten; Regie: Lee Madden) von 1970, in dessen Zentrum die Rache einer Biker-Gang an einer „large group of Rednecks“ steht, die noch dazu eine Hippie-Kommune bedroht. Die Hauptrolle in Angel Unchained spielte übrigens Tarantino’s späterer „Sheriff Bill Sharp“-Darsteller Don Stroud, der, wie ja bereits in der „plot summary“ erwähnt, 1989 in Lizenz zum Töten (Licence to Kill; Regie: John Glen) sogar zu James Bond-Film-Ehren kam und in der Reihe der Gegenspieler von „007“ Timothy Dalton zu finden war.

 

Gleichsam „einer der wichtigsten Verbündeten“ von Tarantino hinter der Kamera am Set von DJANGO UNCHAINED war, neben Kameramann Robert Richardson natürlich sowie Kostümdesignerin Sharen Davis, die im nächsten Abschnitt mehrmals „zu Wort kommen“ wird, zweifellos der bekannte und für Steven Spielberg’s Drama Die Farbe Lila (1985; The Color Purple; mit Whoopi Goldberg) mit dem Oscar prämierte Filmarchitekt J. Michael Riva (1948-2012), der allerdings ein paar Monate nach Beendigung der Dreharbeiten (die „principal photography“ fand von November 2011 bis März 2012 in Kalifornien, Wyoming & Louisiana statt) einen Schlaganfall erlitt, an dessen Folgen er dann auch verstarb.

Für Riva (& natürlich Tarantino) war, was das ganze Production Design betraf, in einem Werk, das sozusagen auf einem schmalen Grat zwischen historischer Realität & Italo-Western angesiedelt ist, durchaus Authentizität sehr wichtig, jedoch sollte diese niemals der Handlung/dem Storytelling im Wege stehen, denn der Film, so Riva (der übrigens der Sohn von Maria Riva war, dem einzigen Kind von Filmlegende Marlene Dietrich(!)), „verfügt […] über eine gewisse lyrische Qualität“ (Quelle: Doku „Remembering J. Michael Riva: The Production Design of Django Unchained“; Anm.: Riva sah „lyrische Qualitäten“, und das natürlich zurecht, vor allem in jenen kurzen Sequenzen des Films, in denen „Broomhilda“ ihrem Ehemann „Django“ im Rahmen von „Tagträumen / Visionen“ erscheint, so z. B. einmal in einem Fluss, in dem er gerade badet, oder auf dem Weg nach Candyland am Wegesrand, wo „Broomhilda“ Kerry Washington für kurze Zeit die „Candie caravan“ begleitet).

Auch Farben waren für J. Michael Riva, der beispielsweise auch an Robert Redford’s Regie-Debüt Eine ganz normale Familie (1980; Ordinary People) oder an dem gelungenen Tom Cruise-Jack Nicholson-Militärgerichts-Film Eine Frage der Ehre (1992; A Few Good Men; Regie: Rob Reiner) beteiligt war, beim Produktions-Design von Filmen essentiell (J. Michael Riva: „Farben sind für mich wichtig. Sie kreieren Stimmungen“), was auch bei der von Leonardo DiCaprio gespielten Figur des „Calvin Candie“ zum Ausdruck kam, denn, so Riva, diese Figur entstammte für ihn aus der „Hölle“ („Candyland“), sie war gleichsam „teuflisch“, und er kam daher nicht umhin, sie mit „[…] so viel Rot wie möglich“ zu umgeben.

 

 

 

(ENDE von TEIL 2; Fassung vom 03.05.2021)